Putzwut
Wenn sich Besuch anmeldet, sehe ich meine Wohnung immer mit anderen Augen. Meine plötzlich aufflammende Putzwut lässt den Besen qualmen, der Staubsauger läuft heiß, der Fliegenschiss, der mich schon wochenlang stört, wird endlich weggewischt, plötzlich sehe ich überall Spinnweben, die mir vorher gar nicht aufgefallen sind und so geht’s immer weiter, bis ich mich komplett verzettle. Dann wird’s zeitlich richtig eng und ich weiß, dass ich noch ganz schön Gas geben muss, bevor meine Gäste eintrudeln. Schließlich will ich auch noch was Schmackhaftes auf den Tisch bringen. Die Zeit wird knapp, die geplante Mehlspeise wird durch Erdnüsse ersetzt. Trotzdem, irgendwas bleibt immer nicht erledigt liegen.
Inzwischen ruft meine Freundin an und fragt mich, ob ich es diesmal rechtzeitig schaffe. „Nicht wirklich“, sag ich, „aber das ist mir jetzt schon ziemlich egal.“ „Na dann putz halt nur dort, wo man es sieht!“ sagt sie. „Nein“, lach ich, „das traue ich mich nicht. Da fällt mir mein alter Onkel ein, der hatte mal einen dicken Fuß und wir mussten den Arzt holen.“ „Hast Du dir die Füße gewaschen?“ fragte meine Tante. „Wozu?“ wollte der Onkel wissen. Ein rascher Blickwechsel zwischen meiner Tante und mir zeigte uns, dass wir das Gleiche dachten. Sie begann mit dem Onkel hin und her zu zetern, bis dieser schließlich mit den Worten „aber nur den linken Fuß“ einwilligte. Der Arzt kam, untersuchte ihn und sagte: „Machen Sie mal den anderen Fuß frei, damit ich vergleichen kann! - Soviel zum Thema „Putzen wo man´s sieht“!“
Gerti Münnich
17.6.2009
Das Gfrett mit dem Fett …!
Das Gfrett mit dem Fett …!
Mit 26 Jahren wog ich 50 kg, mit 33 waren es dann schon 65 kg und heute, mit 57 Jahren, hat mich ein Banker, der mich versichern sollte, als „untergroß“ und daher nicht versicherbar bezeichnet. Fein ausgedrückt, aber ich konnte es drehen wie ich wollte, es stimmte. Mein Umfang stand in keiner Relation zur Körpergröße. Noch schmerzlicher wurde mir das bewusst, als ich mich während einer Shopping-Tour mit meiner Freundin auf preislich reduzierte Badeanzüge stürzte. Da stand ich nun in der Umkleidekabine in einem Badeanzug, an dessen Beinausschnitten verspielt drapierte Rüschen angenäht waren, die meine voluminösen Oberschenkel noch besser zur Geltung brachten. Auch der Blick in den Spiegel zeigte mir deutlich, dass ich diesen Badeanzug nur kaufen konnte, wenn es mir gleichgültig war, wie ich darin aussah. Die letzten Zweifel beseitigte meine Freundin, die nach einem kurzen Blick auf das von mir gewählte Outfit kurz die Luft anhielt, die Augenbrauen hob, um dann mit einem heftigen Kopfschütteln meinen Kaufdrang rigoros abzuwürgen. Ich beschloss, auf einen Badeanzug zu verzichten, kaufte mir einen langen breiten Schal, den ich mir im Notfall um die Hüften wickeln konnte und der jederzeit mit einer Sicherheitsnadel nach Bedarf zu erweitern war. Auf die Idee, dass man ihn auch eventuell mal enger wickeln könnte, kam ich gar nicht. 5 kg nahm ich innerhalb von 2 Wochen ab, als man mir die Mandeln entfernte, ich hatte nach der Operation derartige Schmerzen, dass es mir unmöglich war, etwas zu essen. Aber das war nur ein kurzes Zwischenspiel, bald war alles wieder beim Alten. Als ich eine neue Körperwaage in Betrieb nahm und ich mich das erste Mal wog, zeigte das Display an: „Gewicht nicht mehr feststellbar“. Kurz davor, die Waage aus dem Fenster zu werfen, fiel mir ein, dass es sich um einen Einstellungsfehler handeln könnte. Beim zweiten Draufsteigen wog sie zwar richtig, aber verringerte nicht meine größer werdende Verzweiflung. Es musste unbedingt etwas geschehen! Da der Tag eh schon verkorkst war, gönnte ich mir noch einmal eine Tafel Schokolade und begann am nächsten Tag mit der ich weiß nicht wievielten Diät. Der Anfang war mühsam, aber irgendwie gewöhnte ich mich dran und nahm langsam stetig ab. Ich fühlte mich wie ein neuer Mensch, es ging mir gut, ich schnaufte nicht mehr. Innerhalb eines halben Jahres nahm ich 30 kg ab und es gefiel mir, was ich sah. Jetzt hätte ich nur ein bisschen besser auf mich aufpassen müssen, aber großer privater Stress ließ mich unachtsam werden und innerhalb von zwei Jahren war ich fast wieder dort, wo ich angefangen hatte. Ich bin ein Verzweiflungsfresser, ein Frustesser … es gibt nichts, was mir nicht schmeckt! Der Hausherr motzt, wenn ich zu Süßem greife! „Das ist sicher der Wechsel“ hat jetzt eine liebe Bekannte mal zu mir gesagt. Aber ich weiß es besser, Hormone sind sicher nicht dran schuld. Aber auch der Bauch des Hausherrn hat sich vergrößert und als er jetzt mal in seine Hose steigen wollte, konnte er sie nur schließen, indem er die Luft anhielt und ich mit zwei Händen versuchte, den Knopf Richtung Knopfloch zu ziehen, was sich als ausgesprochen schwierig erwies. Er hat seine eigene Theorie. Seinen Wohlstandsbauch ignorierend fragte er mich, ob es möglich sei, dass sich die Hose zusammenzieht, wenn sie auf dem Kleiderständer hängt. Meinen Lachanfall hat er mir sehr übel genommen. Aber ich gebe zu, das hat was! Ab jetzt sind die Klamotten schuld, wenn sie nicht mehr passen!
8.5.2009
Gerti Münnich
Aufklärung mit und ohne Klapperstorch
Aufklärung mit und ohne Klapperstorch
Ich bin gut behütet aufgewachsen, in unserer Familie waren Schimpfwörter verpönt, außerdem durften wir nur Hochdeutsch sprechen. Als wir in die Schule kamen, brachten wir ein bisschen Straßenjargon und neue, interessante, aber nicht unbedingt schöne Worte, lässig ausgesprochen, mit nach Hause. Nichts wurde dem Zufall überlassen, die Eltern griffen stets regulierend ein, um uns beizubringen, „Gutes“ von „Schlechtem“ zu trennen. Aufgeklärt waren wir noch nicht und als wir noch ein Geschwisterchen wollten, legten wir wochenlang Zucker auf die Fensterbank und riefen: „Storch Storch Guter, bring mir einen Bruder, Storch Storch Bester, bring mir eine Schwester.“ Dass ein Geschwisterchen zu diesem Zeitpunkt bereits unterwegs war, sagte uns natürlich niemand. Wir wussten, der Storch hatte uns erhört, wenn der Zucker weg war. Eines Tages kam ich, ungefähr 8 Jahre alt, aus der Schule nach Hause und versetzte meiner Mutter mit dem Satz „Stimmt das, Mutti, wenn zwei sich aufeinanderlegen, gibt’s ein Kind?“ einen ordentlichen Stoß in ihre hochmoralischen Grundfesten. Die Bauernkinder, mit denen wir aufwuchsen, wussten schon viel mehr über Fortpflanzung, da sie durch das Beobachten der Tiere bei der Besamung hier einen ordentlichen Wissensvorsprung aufweisen konnten und diese Dinge viel lockerer und entspannter betrachteten. So nach dem Motto: Wenns beim Vieh so funktioniert, kann es beim Menschen nicht viel anders sein. Meine Mutter jedoch, die offensichtlich in diesem Moment total überfordert war, und wohl auch aus Angst, dass sie was Falsches sagen könnte, antwortete fast panisch: „Wartet bis heute Abend … bis der Papa kommt, dann werden wir es Euch erklären!“ Aha – da schien es ja noch einiges zu geben, was wir nicht wussten und die Angelegenheit bekam dadurch einen gewaltigen Schub an erwartungsvoller Spannung. Nun, der Abend kam, die Eltern, meine um ein Jahr jüngere Schwester, mein drei Jahre jüngerer Bruder und die Jüngste mit zwei Jahren, versammelten sich bei gedämpftem Licht (was dem Ganzen noch eine zusätzlich geheimnisvolle feierliche Note verlieh) im Wohnzimmer. „Aber es wird nicht gelacht“, sagte meine Mutter, was natürlich genau das Gegenteil bewirkte. Die Eltern begannen also uns einiges zu erklären, manchmal kicherten wir aus Verlegenheit, ich empfand das Ganze als ziemlich qualvoll. „Habt ihr alles verstanden?“ war dann die Frage, wir nickten auch deshalb, um das Ganze schnell zu beenden, außer mein kleiner Bruder, der das Gesagte nicht begreifen konnte und für sich selbst fragend nachhakte: „Gell, Mama, ich bin aber schon vom Klapperstorch?!“
15.2.2009 Gerti Münnich
Willi am Buffet
Willi am Buffet
Nach ihrer England-Reise treffe ich mich mit meiner Freundin zu einem Café. Es gibt allerhand zu schnattern, da ich selbst vor Jahren in London war. Wir kommen ins Schwelgen: „Fandest du die Stadt auch so riesig?“ „Ja, Blasen hab ich mir gelaufen …der Tower, wie er sich majestätisch über die Themse spannt-„ ….“ja, und die vielen vielen schwarzen Taxis, wo man jederzeit zusteigen konnte“ …“und der Kaufrausch in der Oxfordstreet und das Wegdewood-Geschirr bei Harrods“ wir plappern und plappern, die Zeit verrinnt und dann beginnt meine Freundin von ihren Galeriebesuchen zu schwärmen, tolle Bilder habe sie gesehen, und eines habe ihr ganz besonders gefallen, das auch ideal in ihre Wohnung passen würde. „Es heißt Willi am Buffet“ sagt sie, „ich muss mir unbedingt eins besorgen, ich werde morgen die Galerien in der Stadt abklappern, magst nicht mitgehen?“ Weniger das Kunstverständnis als die Neugier lassen mich zustimmen und so starten wir am nächsten Tag mit unseren ein- und zweijährigen Sprösslingen im Kinderwagen zu einer Galerierundreise. Als wir die erste Galerie betreten, kommt ein dienstbeflissener Angestellter, schaut uns an und sagt, dass die annoncierte Putzstelle bereits vergeben sei. Meine Freundin und ich schauen uns an und denken irgendwie das Gleiche: offensichtlich passt unser Outfit nicht in dieses Etablissement und lässt nicht erkennen, dass wir uns für ein besonderes Bild interessieren. Wir klären den Irrtum auf und fragen nach „Willi am Buffet“. Der Angestellte verneint, sagt, davon habe er noch nie gehört, wir sollen unser Glück mal in einer anderen Galerie versuchen.
Jetzt wird unser Jüngster schon quengelig. Meine Freundin hebt ihn aus dem Wagen, was dieser mit einem fetten Rülpser quittiert, leider fördert dieser auch einen dicken Schwall saurer Milch zutage, die nun wie zähflüssige Lava am Rückenteil ihres Shirts hinunter rinnt. Sie drückt mir den Kleinen in die Hand, da kommt die zweite Ladung und füllt mein Dekollete. Der Kindertee aus der Flasche wird als Wasserersatz zum Säubern ihrer Rückfront und meiner Vorderansicht verwendet. Wir überlegen, ob wir umkehren oder weitersuchen. Wir wollen nicht aufgeben und trotz der leicht säuerlichen Aura ums uns rum, betreten wir die zweite Galerie. Leider verneint man auch hier und wir werden auf eine besondere Bilderausstellung aufmerksam gemacht, wo wir eventuell finden könnten, was wir suchen.
Als wir dort ankommen, hat sich ein weiterer Duft zu unserer Runde gesellt, der zweite hat die Windel voll. „Also gut, unser letzter Versuch, und dann schauen wir, dass wir nach Hause kommen!“ Ein freundlicher engagierter junger Mann, der offensichtlich hier den Überblick hat, verneint ebenfalls, als wir ihn nach „Willi am Buffet“ fragen, er rümpft leicht die Nase um gleich drauf drei Schritte zurück zu weichen. Offensichtlich hat sich unsere Duftaura erheblich ausgebreitet. Plötzlich schreit meine Freundin auf: „Da, da, schau hin, dort, das dort, das meine ich. Das ist „Willi am Buffet“. In diesem Stil hab ich eines in London gesehen. Schau nur, diese sanften Farben, diese Landschaft. Ist das nicht wunderschön?“
„Aber“, sag ich, „irgendwie versteh ich den Sinn nicht, wieso das Bild „Willi am Buffet“ heißt! Und wieso heißt jedes Bild gleich?“
Der junge Mann schaut uns amüsiert an, sofort erkennend, dass er es mit zwei Kunstbanausen zu tun hat und flötet:
„Meine Damen, ich glaube, Sie unterliegen einem schweren Irrtum. Das Bild heißt nicht „Willi am Buffet“, sondern der Maler heißt „William Buffett“.
Meine Freundin hat inzwischen Bilder von William Buffett an ihren Wänden, aber sie hat sie nicht in den von uns besuchten Galerien gekauft. Sie hat gemeint, sie geht dort erst wieder hin, wenn sie so viele Falten hat, dass ein Wiedererkennen unmöglich ist.
29.11.2008
Gerti Münnich
Forellenragout
Forellenragout!
Der Forellenteich eines Freundes wird abgefischt und der Hausherr ist dazu eingeladen. Begeistert sagt er zu, schnappt sich unseren Ältesten, altes Brot wird eingepackt, Spagat und Angelhaken. Das Wetter ist neblig trüb, doch das stört die Laienfischer nicht. Brot an den Haken und schwupps … kurze Zeit später hängt bereits die erste Forelle am Haken. „Das ist ja wie im Schlaraffenland“, kommentiert fachmännisch der Junior, „die Fische springen von alleine in die Pfanne!“ Genauso sehe ich es auch. Im Fischteich brodelt es nur so, da der Wasserstand weiter sinkt, kommen immer mehr Forellen Richtung Oberfläche. Es wird eng da drin und anscheinend ungemütlich. Wie Lemminge, die bereitwillig ihrem Untergang entgegen springen, ist der Forelleneimer innerhalb einer Stunde voll. Mit der Erkenntnis, dass man auch beim Angeln so was wie ein Erfolgsgefühl haben kann, kehren sie mit 10 kg Forelle heim. Jetzt müssen die Fische ausgenommen werden und plötzlich stehe ich alleine in der Küche … Senior und Junior entziehen sich galant der weiteren Verarbeitung und so bin ich dazu verdonnert, die Fische auszunehmen und für die Kühltruhe vorzubereiten. Überall kleben Schuppen, es riecht extrem nach Fisch. Ohne viel drüber nachzudenken, erledige ich diesen sehr unangenehmen Teil des bevorstehenden köstlichen Menüs, das natürlich auch noch auf den Tisch gezaubert werden muss. So frischen Fisch kriegt man schließlich nicht alle Tage. Beim Abschuppen rutscht mir eine Forelle aus der Hand, klatscht auf die Herdplatte, von dort auf den Küchenboden, rutscht Richtung Kühlschrank, um dort hängen zu bleiben. In meinem Schreck stoße ich an die Schüssel, die neigt sich zur Seite, das brackige Fischwasser rinnt an der Küchenfront runter, mittendrin im Sud stehe ich. Jetzt ist auch schon alles egal, zornig hebe ich die Forelle auf, hole den Putzeimer, wische die Küche auf, säubere die Küchenfront, um eine halbe Stunde später dort weiter zu machen, wo ich aufgehört habe.
„Gibt’s bald Forelle“? tönt es aus dem Wohnzimmer? „Wenn das so weitergeht, wie es angefangen hat, dann könnt ihr Pizza essen gehen, weil dann werden die Fische aus dem Fenster fliegen!“ Plötzlich ist es ganz ruhig. Da beide ein feines Gefühl für kritische Momente haben, schleichen sie heran und schauen nach, was in der Küche so los ist. Die wütende Köchin ignorierend, fragen sie scheinheilig, ob sie was helfen können. Das „haut ab“ verstehen sie und lassen es sich auch nicht zweimal sagen. Irgendwas hör ich sie brummeln wie „bin schon hungrig“ und „hoffentlich dauerts nicht mehr so lange“, allerdings macht mich die Wut schneller und endlich bin ich fertig. Ausgeweidet liegen 10 kg glitschige Masse vor mir und werden in Gefrierbeutel abgefüllt. „Ich hätte meine gerne mit Speck gefüllt“ schallt es aus den Ruheräumen, „und ich will meine mit Knoblauch“ setzt der andere noch eins drauf. Das lieb ich am meisten, im dicksten Gewühl noch Menüvorschläge! Da dieser Fischfangtag was Besonderes für meinen Ältesten war, komme ich ausnahmsweise allen Sonderwünschen nach. Petersilienkartoffeln, Salat, alles fast fertig. Mein Ruf „Forelle á la Knoblauch“ und „Forelle a la Speck“ sind fertig“ schallt durch die Hallen! „Endlich“ kommt´s zurück, voller Heißhunger fallen sie bereits über die Petersilienkartoffeln und den Salat her, ich stelle die Pfanne mit den Forellen auf den Tisch … da passiert´s. Versehentlich stoße ich am langen Griff der Pfanne an, sie rutscht vom Tisch, überschlägt sich und vor dem Kühlschrank liegen vier Forellen und obendrauf die große Pfanne. Fassungslose Stille! Verärgert über meine Schussligkeit starrt der Hausherr auf die undefinierbaren fischähnlichen Brocken und zischt: „ Wieso servierst mir eigentlich das Essen nicht immer dort unten?“ Offensichtlich betrachtet er die Situation als persönlichen Anschlag auf ihn. Stoische Ruhe überkommt mich. „Der Boden ist frisch aufgewischt. Auch wenn sie bröckelig sind, esst ihr sie jetzt oder nicht?“ Das „na gib schon her“ klingt verzweifelt … aber der Hunger ist größer. Das Essen verläuft schweigend, wohl wissend, dass jedes weitere Wort überflüssig ist und auf die Goldwaage gelegt werden könnte. Seitdem heißt es, wenn’s Forelle gibt: „Normale oder Forellenragout?“
9.11.2008
Gerti Münnich
Peinlich!
Als die Strumpfhose den Markt eroberte, sagte Großvater: „Da waren ja die dreiviertellangen „Untergattis“ meiner Frau noch erotischer!“ Zumindest waren sie sicher wärmer und haltbarer. Nach spätestens zwei Tagen ist die Strumpfhose defekt, die Laufmaschen sind nicht zu übersehen, beim Anziehen reiß ich mir oft schon ein Loch in das gute Stück. Teilweise ergattere ich mir welche zum „Wegwerfpreis“, was soviel heißt, maximal nach einmal Tragen wandert das gute Stück in den Müll. Eine Überlegung hat sich mir da regelrecht aufgedrängt: würde ich auf Socken umsteigen, könnte ich es mir leisten, mit dem Rauchen anzufangen, ohne dass es meinen Geldbeutel extrem belasten würde.
Ich bin auch noch nicht drauf gekommen, nach welchen Kriterien sie größenmäßig hergestellt werden. Während die eine Firma mit Large wahrscheinlich die Länge der Trägerin meint, scheint bei einer anderen Marke die Breite mehr im Vordergrund zu stehen. Bemerkbar macht sich das dann, wenn sich große Falten ähnlich mittelgroßen Tsunamis um die Knöchel legen oder die Strumpfhose zwar den dicken Oberschenkel gut im Griff hat, dafür aber nicht mehr richtig bis zur Taille reicht. Das heißt, als Trägerin zerrst du dauernd die Strumpfhose Richtung Taille, da sie sich bei jedem Schritt wieder Richtung Knöchel „abseilt“. Irgendwann im Winter, im dicksten Einkaufsstress, eingehüllt in den dicken Wintermantel, wars dann soweit. Während ich meine Wurst ordere, schaue ich zufällig nach unten und sehe, dass meine Strumpfhose sich bis zum Knöchel „hinuntergewurschtelt“ hat … in der Hoffnung, dass es außer mir noch keinem aufgefallen ist, hab ich meine Bestellung abgebrochen, mich rückwärts langsam Richtung WC geschlichen, um mich endgültig davon zu befreien. Es war mir derart peinlich, dass ich seitdem ohne Strumpfhosen durch den Winter wandere, auch auf die Gefahr hin, dass ich zum Blasentee greifen muss.
12.102008
Gerti Münnich
Wenn einer eine Reise tut ….
Ich lebe auf dem Land, aber Graz als kulturelles Zentrum schätze ich, genauso wie die Einkaufsbummel oder den Spaziergang auf den Schlossberg. Aber was den Verkehr betrifft, ist mir eine gewisse Naivität eigen. Ein gestörtes Verhältnis habe ich zu roten Ampeln, besonders wenn sie in Nebenstraßen stehen, wo weit und breit kein Auto zu sehen ist. Ich kann dann einfach nicht anders und muss drüberrennen. So auch eines Tages, nahe der Neutorgasse. Schon leicht genervt von der Parkplatzsuche und natürlich wie immer in Eile stand ich vor einer für Fußgänger roten Ampel. Gegenüber auf der anderen Straßenseite wartete ebenfalls ein Herr mittleren Alters. Es fuhr kein Auto, alles war überblickbar und entgegen aller Verbote, pfiff ich auf das rote Manderl und rannte so schnell ich konnte dem gegenüberliegenden Bürgersteig zu. Kurz bevor ich den Bordstein betreten konnte, rutschte ich mit meinen schon etwas lädierten Absätzen auf dem Kopfsteinpflaster aus und bevor ich richtig registrierte, was geschah, nahm ich nur etwas Stehendes vor mir wahr, umschlang es und krallte mich darin fest, um dann langsam daran herunterzurutschen, bis ich vollends in der Gosse lag. Geistesgegenwärtig hatte ich an dem dort zufällig anwesenden Herrn Halt gesucht. Der jedoch stand steif wie ein Stock und ungeachtet meines schmerzverzerrten Gesichts starrte er mit Verachtung auf mich herunter, ohne jegliche Anstalten, mir aufzuhelfen, hob den Zeigefinger wie einst der Lehrer Lämpl und sprach: „Das kommt davon, wenn man bei Rot über die Straße geht“. Ich entschuldigte mich bei ihm, krallte mich wieder in seinen Hosenbeinen fest und rappelte mich mühsam hoch. Doch er hatte nur böse Blicke für mich und ihn interessierten mein blutender Knöchel und mein aufschundenes Knie überhaupt nicht. Schließlich bedankte ich mich noch für sein „Mitgefühl“, was er mit einem bissigen „Bitte“ quittierte und humpelte von dannen. Wahrscheinlich war ihm die Sache genauso peinlich wie mir. Ich bin nur froh, dass seine Hose bei dieser Abseilaktion nicht nachgegeben hat!
Pubertätsfrisuren und ihre Auswüchse
Gut erinnern kann ich mich noch an eine Zeit, als ich wöchentlich die Haarfarbe wechselte, von braun zu blond, von blond zu rot, von rot zu schwarz um anschließend mit grauen Strähnen durch die Gegend zu laufen. Nebenbemerkungen wie „unser Chamäläon kommt“ hab ich cool ignoriert, aber nur nach außen hin, innerlich hat es mich zermürbt. Zu denken gab mir eine Färbeaktion einer Freundin, die so wild mischte, dass sie plötzlich grüne Haare hatte. Mit umgeschlungenem Kopftuch stürmte sie in den nächsten Frisiersalon, um zu retten was zu retten ist. Danach beschlossen wir, der Natur freien Lauf zu lassen und nur ab und zu mit ein paar farblichen Auffrischungen, und das nur durch Meisterhand, nachzuhelfen. Ewige Diskussionen mit ihren Eltern gab es über die langen Haare ihres Bruders, bis sie endlich einen Konsens fanden: noch zwei Jahre bis zur Matura, kurz davor muss die „Matte“ fallen. Ihr Bruder war einverstanden. Er pflegte seinen Kopf gewissenhaft und fönte und fönte und fönte. Die vielen Haare waren schwer zu bändigen. Bis ihm der Geduldsfaden riss, schnipp schnapp, die Haare waren ab – lange vor der Matura und natürlich zur Freude seiner Erzieher. Heute trägt er „hohe Stirn“ und ich denke, wenn er das gewusst hätte, hätte er sich ein Büschel Haare aufgehoben. Als meine Söhne begannen, sich bei ihrer pubertären Selbstfindung zu Chamäläons zu entwickeln, fiel mir das Theater mit dem Bruder meiner Freundin wieder ein und ich schwor mir: Kein Tamtam wegen irgendwelcher Haarfarben oder Frisuren. Das wurde auf eine harte Probe gestellt. Der Große kam mal in Grau, dabei dürfte die Farbe auch übers Gesicht geronnen sein, als ich ihn sah, erinnerte er mich stark an Graf Dracula. Leider kam der Satz „Wie schaust du denn aus“ total unüberlegt aus meinem Mund, das trübte ein bisschen die anfängliche Wiedersehensfreude. Doch dann kam er in Grün, was seine dunklen Schatten unter den Augen von durchgefeierten Nächten mächtig unterstrich. Große Begeisterung löste bei seinem kleinen Bruder das Blau aus, und froh, endlich einen Fan gefunden zu haben, besorgte er einen weiteren blauen Tiegel und färbte dem Jüngsten die Haare. Der Schulausflug zum ORF wurde zum Knüller als er in der Bluebox stand. Zur Freude seiner Mitschüler hatte er hier überhaupt keine Haare mehr. Beim Großen normalisierte sich langsam alles wieder, der Kleine lief zur Hochform auf. Jetzt war ein schrilles Orange dran, verkehrstechnisch ideal, da weit sichtbar. Danach ging´s los mit Styling. Die Haare (voller Gel) standen wie Stacheldraht vom Kopf weg. Problematisch war nur das täglich wiederkehrende Outfit. Hier musste „Muttern“ herhalten und egal, ob wir verschlafen hatten, nur wenig Zeit fürs Frühstück oder der Schulbus schon in Sicht war: Das Haar musste mit Hilfe des klebrigen Breies in Form gebracht werden, manchmal war das echt stressig.
Dass ich mich mit dem überhaupt noch auf die Straße traue …. solche und ähnliche Bemerkungen bekam ich zu hören. Aber da das ja nicht mein Kopf war, störte es mich nicht sonderlich, wohl wissend, dass diese Anfälle auch irgendwann vorbei wären. An einem warmen Sommertag schnitt ich ihm die Haare, die untere Reihe ganz kurz, die oberen sollten lang bleiben. Irgendwie jedoch rutschte ich ab und versehentlich mussten ein paar lange Haare dran glauben. Still und heimlich ließ ich sie zu Boden gleiten. Als wir fertig waren, starrte er auf den Boden und rief entsetzt: „Was ist denn das????? Sag mir, was das ist???“ – „Na was wird das schon sein, du meine Güte, bin halt kurz abgerutscht!“ – „Kannste nicht aufpassen?“ – Ein größerer Wortwechsel entstand, dem Gepeinigten standen Tränen in den Augen. Doch ich hatte bereits bei seinem Vater mit der Schur begonnen, durch die Streiterei muss ich versehentlich an die Einstellungsskala gekommen sein, kurzum … ich schlug seinem Erzeuger eine mächtige Schneise. Das wiederum erheiterte den Jüngsten, der sich noch nicht zwischen Weinen und Lachen entscheiden konnte. Nun waren sie Leidensgenossen und verbündeten sich gegen mich. Seinem Vater konnte ich die Haare nur noch ganz ganz kurz schneiden, sozusagen „Made by Alcatraz“.
Kurz bevor wir begannen, eine Lehrstelle für ihn zu suchen, kam auch die Frisur zur Sprache: „Von mir aus kannst du die Haare so lassen, aber ich weiß nicht, ob dich mit dieser Frisur jemand einstellen wird.“ Die Lehrstelle war ihm wichtiger und wie ein schneller Spuk war alles vorbei. Und außer diesem einen Mal, wo ich beide laut ihrer Meinung verunstaltet hatte, hat mich frisurenmäßig nichts aus der Fassung gebracht.
Messerwahnsinn
Angefangen hat alles mit einem Gutschein für ein Messer, der ihr beim Zeitung lesen entgegen flatterte und da sie seine Vorliebe für Messer kannte, besorgte sie ihm zum 50. Geburtstag kurz entschlossen ein japanisches Shun-Kochmesser, dessen Klinge aus 32 Lagen Damaszener Stahl und die innerste Lage aus V-Gold-Stahl bestand, der Griff war aus ergonomisch geformtem, fein laminiertem Pakka-Holz. In dem beigelegten Folder wurde auch darauf hingewiesen, dass jedes Shun-Messer handgefertigt und daher ein Unikat ist. Irgendwie beschlich sie das Gefühl, dass sie hier was ganz Besonderes ergattert hatte … ähnlich einer seltenen Briefmarke, die man nicht ordinär auf irgendeinen Umschlag klebt, sondern gut gelagert immer nur anschaut, wenn einem danach ist .
Wie sich herausstellte, hatte sie mit ihrem Geschenk genau ins Schwarze getroffen. Begeistert und animiert von der Schärfe dieser in einem edlen Holzgriff verankerten Stahlklinge versuchte er, aus alten Kreissägeblättern selbst Klingen herzustellen. Er schliff und schliff und schliff … der Vergleich mit dem echten Shun-Messer war nicht besonders ermutigend, in einem Wettbewerb würde das Ereignis angekündigt mit „Mopedauto gegen Ferrari“.
Zu Weihnachten bekam er ein Shun-Gemüsemesser. Noch am Weihnachtsabend wurde jegliches Gemüse, das für die Feiertage im Kühlschrank eingelagert war, in Ministücke zerschnipselt. Alle Familienmitglieder probierten das Messer aus, waren begeistert und aßen drei Tage Gemüseeintopf.
Sie ging daraufhin zur Tagesordnung über, er ins Internet. Hier las er alles, was er über Shun-Messer finden konnte und vergrößerte seine Sammlung: Brotmesser, Kochmesser, Tomatenmesser, Schinkenmesser mit Kullenschliff, Steakmesser, Allzweckmesser… natürlich mussten auch Messerblöcke her und damit die Dinger auch scharf blieben, ein spezieller Schleifstein, der vor dem Benutzen in Wasser gelegt werden musste.
Die Messer wurden natürlich nur mit der jeweilig entsprechenden Scheide artgerecht gelagert. Überflüssiges wie Gummiringe, Streichhölzer, Geschenkpapier wurde aus den Schubladen entfernt und in der Küche verstreut, um Platz zu schaffen für die edlen Stücke.
Sie beobachtete diese Entwicklung mit Stirnrunzeln und war bemüht, für die herumliegenden Dinge wieder einen würdigen Platz zu finden.
In einem Anfall von Kreativität beschloss er eines Tages, die Messergriffe künftig selbst zu schnitzen. Dass Olivenholz dafür am besten geeignet ist, wusste er schon … hartes Holz, das von seinem Bearbeiter eine Menge Geduld erforderte. Das Schnitzen war mühsam, nur winzige Stücke lösten sich und flogen in hohem Bogen in die Küche … zu klein, um hinter jedem Stückchen herzuhetzen, sinnlose Zeitverschwendung. Der Messerfan schnitzte, der Staubsauger saugte und ihr kamen die ersten Zweifel, ob ihr Geschenk wirklich so eine gute Idee gewesen war. Aber er behauptete, dass er sich beim Schnitzen und Schleifen mächtig entspanne … kleine Kunstwerke entstanden, wunderschöne Griffe … nur das Herstellen der Klingen bedurfte noch einer gewissen Kunstfertigkeit.
Der Satz „Du, ich hab einen Schmied im Nachbardorf gefunden, der mir das Schmieden beibringen wird“ leitete eine neue Ära ein. Sein Freund hatte den Wunsch geäußert, dass es toll wäre, wenn er ein Melonenmesser zustande brächte. Ein großes Messer mit einer langen gebogenen Klinge entstand, es stellte sich jedoch heraus, dass es mit kleinen Mängeln behaftet war. Die Klinge war nicht hart genug, das Ganze ähnelte mehr einer Luftschlange, ein paar unregelmäßige Brocken brachen aus der Melone … doch kleine Fehlschläge bremsen einen echten Fan nicht.
Der Schmiedekurs war beendet … aber er brauchte noch Übung. Im Internet fand er einen Amboss und eine Feldschmiede. Sie, beruflich gestresst, kam gerade nach Hause, als er sie mit der Frage überfiel, wo er wohl seine Feldschmiede am besten platzieren könne. Die Holzhütte direkt am Haus erschien ihr wegen der zu erwartenden Rauchbelästigung nicht ideal, aber erst ihr Einwand, dass das nur praktisch wäre, wenn er die Absicht hätte, die Holzhütte und das Haus gemeinsam abzufackeln, ließen auch ihn an diesem Standort zweifeln. Momentan überfordert und desinteressiert schlug sie ihm vor, die Feldschmiede in sein Schildkrötengehege zu stellen. Nun hing der Haussegen schief. Schweigend lief er durch den Garten, auf der Suche nach dem geeigneten Platz. Schwierig auf einer Parzelle von 800 m2, wo die Hälfte schon verbaut ist. Doch dann, ein Lichtblick, links oben im Eck würde es gehen … der Klarapfelbaum wurde der Länge nach halbiert, damit war auch sie einverstanden und der häusliche Frieden wieder hergestellt. Kürzlich hat er sich eine Feuerzange besorgt, eine Lederschütze zum Umbinden braucht er noch.
Wo das hinführen wird, weiß keiner. Vielleicht wird er mal ein berühmter Messerwerfer. Ein bisschen Platz für eine Drehscheibe, auf die man ein mutiges Opfer binden kann, findet sich sicher noch im Garten!
Bonsai
Nachdem endlich der Wohnbereich fertig gestellt ist, geht’s darum, die leeren Winkel zu füllen…das ist der Startschuss für den Hausherrn, sich ins Pflanzengewühl von Gärtnereien und Baumärkten zu stürzen … fündig geworden, werden verschiedene Palmen und Orchideen im Haus und in den Zimmern verteilt und in Kenntnis meines unglücklichen Händchens was Pflanzenpflege anbelangt, wird mir der fürsorgliche Hinweis ans Herz gelegt, dass ich unseren inzwischen zu einem stattlichen Privaturwald angewachsenen Bestand ja nicht zu gießen vergesse. Da Palmen bekannt dafür sind, der Natur auch in besonders trockenen Gebieten zu trotzen , haben sie also eine echte Chance, auch unter meiner Pflege zu gedeihen. Wenn man weiß, dass mir sogar Kakteen aufgrund geringer Wasserversorgung eingegangen sind, weiß jeder, der mich kennt, was es für mich bedeutet, die an mich gestellten Erwartungen in Sachen Blumenpflege zu erfüllen.
Aber mir gefällt, was ich sehe und so bemühe ich mich, das Grünzeug am Leben zu erhalten.
Und in dem Wissen, dass diese teilweise schon sehr großen Pflanzen auch unsere finanziellen Reserven erheblich geschmälert haben, nehme ich meine Aufgabe ernst, ich gieße und dünge, und das anscheinend perfekt, die Pflanzen danken es mit ungebremstem Wachstum und wunderschönen Blüten.
Offensichtlich überrascht von meinem Einsatz in der häuslichen Botanik teilt mir der Hausherr eines Abends mit, dass er einen wunderschönen Bonsai gesehen habe und dass dieser gut auf den noch freien Fensterplatz passen würde. Bei dem Wort Bonsai stellen sich mir die Haare auf …. das kenn ich schon ….dem Sohn meiner Freundin vertrocknen sie regelmäßig und wenn er sie zuviel gießt, verfaulen die Wurzeln …. komplizierte und arbeitsintensive Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass man mit Geräten wie Nagelscheren die Wurzeln schneiden muss …. also irgendwie erfreut mich der Gedanke an einen Bonsai nicht ….aber ich will auch die Begeisterung des Hausherrn dafür nicht bremsen …. also gut, sag ich, kannst ihn herstellen, aber eins muss klar sein, ich gieße ihn, aber die konsequente Pflege übernehme ich nicht, dafür hab ich einfach keine Geduld ….Der Hausherr ist einverstanden und am nächsten Abend behindert ein wunderschöner mittelgroßer Bonsai den Ausblick in die freie Natur. Ich bekomme noch ein paar Instruktionen, unter anderem die, dass er keinen Durchzug verträgt, was wiederum bedeutet, dass er vor jedem Lüftvorgang ins Bad getragen werden muss. Dem Bonsai scheint sein Plätzchen aber zu gefallen, er treibt aus, was das Zeug hält. Nach einigen Monaten bedeckt er bereits zwei Drittel des Wohnzimmerfensters. Mein Hinweis an den Hausherrn, dass dieses Pflanzengebilde mit einem Bonsai nicht mehr viel gemein hat, irritiert ihn nicht, er meint nur, dass sein Bonsai wachsen könne, wie er wolle. Zum Geburtstag bekommt der Hausherr Werkzeug für die Bonsai-Pflege. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, den er verstanden hat und an einem schönen warmen Sonntag schleppt er seinen geliebten Bonsai ins Freie und fängt an, ihn zu stutzen. Auch die Wurzeln werden geschnitten…. es ist eine mühevolle Kleinarbeit und ich werde das Gefühl nicht los, dass ihm jeder Schnitt in die pflanzlichen Eingeweide persönlich weh tut …. der versuchte Einwand „könntest du nicht ein bisschen weitermachen“ wird von mir rigoros abgelehnt …. den ganzen Nachmittag ist er mit der Pflege beschäftigt… am Abend steht der Ficus-Bonsai frisch gestutzt auf seinem Platz und ist wieder eine wahre Augenweide. Inzwischen sind zwei Sommer vergangen, die mühevolle Sonntagnachmittagbeschäftigung scheint sich als traumatisches Erlebnis ins Gedächtnis des Hausherrn eingegraben zu haben, woraufhin dieser beschlossen hat, seinem Bonsai die Pflanzenfreiheit zurück zu geben. Die Größe seiner Blätter hat inzwischen überdimensionale Bonsai-Normen angenommen, erinnern eher an Tabak- als an Ficus-Blätter, das Wohnzimmerfenster ist zur Gänze bedeckt. Wir haben ihm einen Namen gegeben: Goliath!