Wenn einer eine Reise tut ….
Ich lebe auf dem Land, aber Graz als kulturelles Zentrum schätze ich, genauso wie die Einkaufsbummel oder den Spaziergang auf den Schlossberg. Aber was den Verkehr betrifft, ist mir eine gewisse Naivität eigen. Ein gestörtes Verhältnis habe ich zu roten Ampeln, besonders wenn sie in Nebenstraßen stehen, wo weit und breit kein Auto zu sehen ist. Ich kann dann einfach nicht anders und muss drüberrennen. So auch eines Tages, nahe der Neutorgasse. Schon leicht genervt von der Parkplatzsuche und natürlich wie immer in Eile stand ich vor einer für Fußgänger roten Ampel. Gegenüber auf der anderen Straßenseite wartete ebenfalls ein Herr mittleren Alters. Es fuhr kein Auto, alles war überblickbar und entgegen aller Verbote, pfiff ich auf das rote Manderl und rannte so schnell ich konnte dem gegenüberliegenden Bürgersteig zu. Kurz bevor ich den Bordstein betreten konnte, rutschte ich mit meinen schon etwas lädierten Absätzen auf dem Kopfsteinpflaster aus und bevor ich richtig registrierte, was geschah, nahm ich nur etwas Stehendes vor mir wahr, umschlang es und krallte mich darin fest, um dann langsam daran herunterzurutschen, bis ich vollends in der Gosse lag. Geistesgegenwärtig hatte ich an dem dort zufällig anwesenden Herrn Halt gesucht. Der jedoch stand steif wie ein Stock und ungeachtet meines schmerzverzerrten Gesichts starrte er mit Verachtung auf mich herunter, ohne jegliche Anstalten, mir aufzuhelfen, hob den Zeigefinger wie einst der Lehrer Lämpl und sprach: „Das kommt davon, wenn man bei Rot über die Straße geht“. Ich entschuldigte mich bei ihm, krallte mich wieder in seinen Hosenbeinen fest und rappelte mich mühsam hoch. Doch er hatte nur böse Blicke für mich und ihn interessierten mein blutender Knöchel und mein aufschundenes Knie überhaupt nicht. Schließlich bedankte ich mich noch für sein „Mitgefühl“, was er mit einem bissigen „Bitte“ quittierte und humpelte von dannen. Wahrscheinlich war ihm die Sache genauso peinlich wie mir. Ich bin nur froh, dass seine Hose bei dieser Abseilaktion nicht nachgegeben hat!
Pubertätsfrisuren und ihre Auswüchse
Gut erinnern kann ich mich noch an eine Zeit, als ich wöchentlich die Haarfarbe wechselte, von braun zu blond, von blond zu rot, von rot zu schwarz um anschließend mit grauen Strähnen durch die Gegend zu laufen. Nebenbemerkungen wie „unser Chamäläon kommt“ hab ich cool ignoriert, aber nur nach außen hin, innerlich hat es mich zermürbt. Zu denken gab mir eine Färbeaktion einer Freundin, die so wild mischte, dass sie plötzlich grüne Haare hatte. Mit umgeschlungenem Kopftuch stürmte sie in den nächsten Frisiersalon, um zu retten was zu retten ist. Danach beschlossen wir, der Natur freien Lauf zu lassen und nur ab und zu mit ein paar farblichen Auffrischungen, und das nur durch Meisterhand, nachzuhelfen. Ewige Diskussionen mit ihren Eltern gab es über die langen Haare ihres Bruders, bis sie endlich einen Konsens fanden: noch zwei Jahre bis zur Matura, kurz davor muss die „Matte“ fallen. Ihr Bruder war einverstanden. Er pflegte seinen Kopf gewissenhaft und fönte und fönte und fönte. Die vielen Haare waren schwer zu bändigen. Bis ihm der Geduldsfaden riss, schnipp schnapp, die Haare waren ab – lange vor der Matura und natürlich zur Freude seiner Erzieher. Heute trägt er „hohe Stirn“ und ich denke, wenn er das gewusst hätte, hätte er sich ein Büschel Haare aufgehoben. Als meine Söhne begannen, sich bei ihrer pubertären Selbstfindung zu Chamäläons zu entwickeln, fiel mir das Theater mit dem Bruder meiner Freundin wieder ein und ich schwor mir: Kein Tamtam wegen irgendwelcher Haarfarben oder Frisuren. Das wurde auf eine harte Probe gestellt. Der Große kam mal in Grau, dabei dürfte die Farbe auch übers Gesicht geronnen sein, als ich ihn sah, erinnerte er mich stark an Graf Dracula. Leider kam der Satz „Wie schaust du denn aus“ total unüberlegt aus meinem Mund, das trübte ein bisschen die anfängliche Wiedersehensfreude. Doch dann kam er in Grün, was seine dunklen Schatten unter den Augen von durchgefeierten Nächten mächtig unterstrich. Große Begeisterung löste bei seinem kleinen Bruder das Blau aus, und froh, endlich einen Fan gefunden zu haben, besorgte er einen weiteren blauen Tiegel und färbte dem Jüngsten die Haare. Der Schulausflug zum ORF wurde zum Knüller als er in der Bluebox stand. Zur Freude seiner Mitschüler hatte er hier überhaupt keine Haare mehr. Beim Großen normalisierte sich langsam alles wieder, der Kleine lief zur Hochform auf. Jetzt war ein schrilles Orange dran, verkehrstechnisch ideal, da weit sichtbar. Danach ging´s los mit Styling. Die Haare (voller Gel) standen wie Stacheldraht vom Kopf weg. Problematisch war nur das täglich wiederkehrende Outfit. Hier musste „Muttern“ herhalten und egal, ob wir verschlafen hatten, nur wenig Zeit fürs Frühstück oder der Schulbus schon in Sicht war: Das Haar musste mit Hilfe des klebrigen Breies in Form gebracht werden, manchmal war das echt stressig.
Dass ich mich mit dem überhaupt noch auf die Straße traue …. solche und ähnliche Bemerkungen bekam ich zu hören. Aber da das ja nicht mein Kopf war, störte es mich nicht sonderlich, wohl wissend, dass diese Anfälle auch irgendwann vorbei wären. An einem warmen Sommertag schnitt ich ihm die Haare, die untere Reihe ganz kurz, die oberen sollten lang bleiben. Irgendwie jedoch rutschte ich ab und versehentlich mussten ein paar lange Haare dran glauben. Still und heimlich ließ ich sie zu Boden gleiten. Als wir fertig waren, starrte er auf den Boden und rief entsetzt: „Was ist denn das????? Sag mir, was das ist???“ – „Na was wird das schon sein, du meine Güte, bin halt kurz abgerutscht!“ – „Kannste nicht aufpassen?“ – Ein größerer Wortwechsel entstand, dem Gepeinigten standen Tränen in den Augen. Doch ich hatte bereits bei seinem Vater mit der Schur begonnen, durch die Streiterei muss ich versehentlich an die Einstellungsskala gekommen sein, kurzum … ich schlug seinem Erzeuger eine mächtige Schneise. Das wiederum erheiterte den Jüngsten, der sich noch nicht zwischen Weinen und Lachen entscheiden konnte. Nun waren sie Leidensgenossen und verbündeten sich gegen mich. Seinem Vater konnte ich die Haare nur noch ganz ganz kurz schneiden, sozusagen „Made by Alcatraz“.
Kurz bevor wir begannen, eine Lehrstelle für ihn zu suchen, kam auch die Frisur zur Sprache: „Von mir aus kannst du die Haare so lassen, aber ich weiß nicht, ob dich mit dieser Frisur jemand einstellen wird.“ Die Lehrstelle war ihm wichtiger und wie ein schneller Spuk war alles vorbei. Und außer diesem einen Mal, wo ich beide laut ihrer Meinung verunstaltet hatte, hat mich frisurenmäßig nichts aus der Fassung gebracht.
Messerwahnsinn
Angefangen hat alles mit einem Gutschein für ein Messer, der ihr beim Zeitung lesen entgegen flatterte und da sie seine Vorliebe für Messer kannte, besorgte sie ihm zum 50. Geburtstag kurz entschlossen ein japanisches Shun-Kochmesser, dessen Klinge aus 32 Lagen Damaszener Stahl und die innerste Lage aus V-Gold-Stahl bestand, der Griff war aus ergonomisch geformtem, fein laminiertem Pakka-Holz. In dem beigelegten Folder wurde auch darauf hingewiesen, dass jedes Shun-Messer handgefertigt und daher ein Unikat ist. Irgendwie beschlich sie das Gefühl, dass sie hier was ganz Besonderes ergattert hatte … ähnlich einer seltenen Briefmarke, die man nicht ordinär auf irgendeinen Umschlag klebt, sondern gut gelagert immer nur anschaut, wenn einem danach ist .
Wie sich herausstellte, hatte sie mit ihrem Geschenk genau ins Schwarze getroffen. Begeistert und animiert von der Schärfe dieser in einem edlen Holzgriff verankerten Stahlklinge versuchte er, aus alten Kreissägeblättern selbst Klingen herzustellen. Er schliff und schliff und schliff … der Vergleich mit dem echten Shun-Messer war nicht besonders ermutigend, in einem Wettbewerb würde das Ereignis angekündigt mit „Mopedauto gegen Ferrari“.
Zu Weihnachten bekam er ein Shun-Gemüsemesser. Noch am Weihnachtsabend wurde jegliches Gemüse, das für die Feiertage im Kühlschrank eingelagert war, in Ministücke zerschnipselt. Alle Familienmitglieder probierten das Messer aus, waren begeistert und aßen drei Tage Gemüseeintopf.
Sie ging daraufhin zur Tagesordnung über, er ins Internet. Hier las er alles, was er über Shun-Messer finden konnte und vergrößerte seine Sammlung: Brotmesser, Kochmesser, Tomatenmesser, Schinkenmesser mit Kullenschliff, Steakmesser, Allzweckmesser… natürlich mussten auch Messerblöcke her und damit die Dinger auch scharf blieben, ein spezieller Schleifstein, der vor dem Benutzen in Wasser gelegt werden musste.
Die Messer wurden natürlich nur mit der jeweilig entsprechenden Scheide artgerecht gelagert. Überflüssiges wie Gummiringe, Streichhölzer, Geschenkpapier wurde aus den Schubladen entfernt und in der Küche verstreut, um Platz zu schaffen für die edlen Stücke.
Sie beobachtete diese Entwicklung mit Stirnrunzeln und war bemüht, für die herumliegenden Dinge wieder einen würdigen Platz zu finden.
In einem Anfall von Kreativität beschloss er eines Tages, die Messergriffe künftig selbst zu schnitzen. Dass Olivenholz dafür am besten geeignet ist, wusste er schon … hartes Holz, das von seinem Bearbeiter eine Menge Geduld erforderte. Das Schnitzen war mühsam, nur winzige Stücke lösten sich und flogen in hohem Bogen in die Küche … zu klein, um hinter jedem Stückchen herzuhetzen, sinnlose Zeitverschwendung. Der Messerfan schnitzte, der Staubsauger saugte und ihr kamen die ersten Zweifel, ob ihr Geschenk wirklich so eine gute Idee gewesen war. Aber er behauptete, dass er sich beim Schnitzen und Schleifen mächtig entspanne … kleine Kunstwerke entstanden, wunderschöne Griffe … nur das Herstellen der Klingen bedurfte noch einer gewissen Kunstfertigkeit.
Der Satz „Du, ich hab einen Schmied im Nachbardorf gefunden, der mir das Schmieden beibringen wird“ leitete eine neue Ära ein. Sein Freund hatte den Wunsch geäußert, dass es toll wäre, wenn er ein Melonenmesser zustande brächte. Ein großes Messer mit einer langen gebogenen Klinge entstand, es stellte sich jedoch heraus, dass es mit kleinen Mängeln behaftet war. Die Klinge war nicht hart genug, das Ganze ähnelte mehr einer Luftschlange, ein paar unregelmäßige Brocken brachen aus der Melone … doch kleine Fehlschläge bremsen einen echten Fan nicht.
Der Schmiedekurs war beendet … aber er brauchte noch Übung. Im Internet fand er einen Amboss und eine Feldschmiede. Sie, beruflich gestresst, kam gerade nach Hause, als er sie mit der Frage überfiel, wo er wohl seine Feldschmiede am besten platzieren könne. Die Holzhütte direkt am Haus erschien ihr wegen der zu erwartenden Rauchbelästigung nicht ideal, aber erst ihr Einwand, dass das nur praktisch wäre, wenn er die Absicht hätte, die Holzhütte und das Haus gemeinsam abzufackeln, ließen auch ihn an diesem Standort zweifeln. Momentan überfordert und desinteressiert schlug sie ihm vor, die Feldschmiede in sein Schildkrötengehege zu stellen. Nun hing der Haussegen schief. Schweigend lief er durch den Garten, auf der Suche nach dem geeigneten Platz. Schwierig auf einer Parzelle von 800 m2, wo die Hälfte schon verbaut ist. Doch dann, ein Lichtblick, links oben im Eck würde es gehen … der Klarapfelbaum wurde der Länge nach halbiert, damit war auch sie einverstanden und der häusliche Frieden wieder hergestellt. Kürzlich hat er sich eine Feuerzange besorgt, eine Lederschütze zum Umbinden braucht er noch.
Wo das hinführen wird, weiß keiner. Vielleicht wird er mal ein berühmter Messerwerfer. Ein bisschen Platz für eine Drehscheibe, auf die man ein mutiges Opfer binden kann, findet sich sicher noch im Garten!
Bonsai
Nachdem endlich der Wohnbereich fertig gestellt ist, geht’s darum, die leeren Winkel zu füllen…das ist der Startschuss für den Hausherrn, sich ins Pflanzengewühl von Gärtnereien und Baumärkten zu stürzen … fündig geworden, werden verschiedene Palmen und Orchideen im Haus und in den Zimmern verteilt und in Kenntnis meines unglücklichen Händchens was Pflanzenpflege anbelangt, wird mir der fürsorgliche Hinweis ans Herz gelegt, dass ich unseren inzwischen zu einem stattlichen Privaturwald angewachsenen Bestand ja nicht zu gießen vergesse. Da Palmen bekannt dafür sind, der Natur auch in besonders trockenen Gebieten zu trotzen , haben sie also eine echte Chance, auch unter meiner Pflege zu gedeihen. Wenn man weiß, dass mir sogar Kakteen aufgrund geringer Wasserversorgung eingegangen sind, weiß jeder, der mich kennt, was es für mich bedeutet, die an mich gestellten Erwartungen in Sachen Blumenpflege zu erfüllen.
Aber mir gefällt, was ich sehe und so bemühe ich mich, das Grünzeug am Leben zu erhalten.
Und in dem Wissen, dass diese teilweise schon sehr großen Pflanzen auch unsere finanziellen Reserven erheblich geschmälert haben, nehme ich meine Aufgabe ernst, ich gieße und dünge, und das anscheinend perfekt, die Pflanzen danken es mit ungebremstem Wachstum und wunderschönen Blüten.
Offensichtlich überrascht von meinem Einsatz in der häuslichen Botanik teilt mir der Hausherr eines Abends mit, dass er einen wunderschönen Bonsai gesehen habe und dass dieser gut auf den noch freien Fensterplatz passen würde. Bei dem Wort Bonsai stellen sich mir die Haare auf …. das kenn ich schon ….dem Sohn meiner Freundin vertrocknen sie regelmäßig und wenn er sie zuviel gießt, verfaulen die Wurzeln …. komplizierte und arbeitsintensive Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass man mit Geräten wie Nagelscheren die Wurzeln schneiden muss …. also irgendwie erfreut mich der Gedanke an einen Bonsai nicht ….aber ich will auch die Begeisterung des Hausherrn dafür nicht bremsen …. also gut, sag ich, kannst ihn herstellen, aber eins muss klar sein, ich gieße ihn, aber die konsequente Pflege übernehme ich nicht, dafür hab ich einfach keine Geduld ….Der Hausherr ist einverstanden und am nächsten Abend behindert ein wunderschöner mittelgroßer Bonsai den Ausblick in die freie Natur. Ich bekomme noch ein paar Instruktionen, unter anderem die, dass er keinen Durchzug verträgt, was wiederum bedeutet, dass er vor jedem Lüftvorgang ins Bad getragen werden muss. Dem Bonsai scheint sein Plätzchen aber zu gefallen, er treibt aus, was das Zeug hält. Nach einigen Monaten bedeckt er bereits zwei Drittel des Wohnzimmerfensters. Mein Hinweis an den Hausherrn, dass dieses Pflanzengebilde mit einem Bonsai nicht mehr viel gemein hat, irritiert ihn nicht, er meint nur, dass sein Bonsai wachsen könne, wie er wolle. Zum Geburtstag bekommt der Hausherr Werkzeug für die Bonsai-Pflege. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, den er verstanden hat und an einem schönen warmen Sonntag schleppt er seinen geliebten Bonsai ins Freie und fängt an, ihn zu stutzen. Auch die Wurzeln werden geschnitten…. es ist eine mühevolle Kleinarbeit und ich werde das Gefühl nicht los, dass ihm jeder Schnitt in die pflanzlichen Eingeweide persönlich weh tut …. der versuchte Einwand „könntest du nicht ein bisschen weitermachen“ wird von mir rigoros abgelehnt …. den ganzen Nachmittag ist er mit der Pflege beschäftigt… am Abend steht der Ficus-Bonsai frisch gestutzt auf seinem Platz und ist wieder eine wahre Augenweide. Inzwischen sind zwei Sommer vergangen, die mühevolle Sonntagnachmittagbeschäftigung scheint sich als traumatisches Erlebnis ins Gedächtnis des Hausherrn eingegraben zu haben, woraufhin dieser beschlossen hat, seinem Bonsai die Pflanzenfreiheit zurück zu geben. Die Größe seiner Blätter hat inzwischen überdimensionale Bonsai-Normen angenommen, erinnern eher an Tabak- als an Ficus-Blätter, das Wohnzimmerfenster ist zur Gänze bedeckt. Wir haben ihm einen Namen gegeben: Goliath!
Das Glück dieser Erde …..
liegt auf dem Rücken der Pferde, so heißt es wenigstens, allerdings nicht für mich. Allein die Vorstellung, auf diesen großen Rücken steigen zu müssen, treibt mir die Schweißperlen auf die Stirn. Natürlich gefallen mir Pferde, besonders wenn sie in weiter Entfernung majestätisch durch die Wildnis galoppieren oder hinter bruchsicheren Gattern stehen. Aber eine sichere Distanz von ungefähr einer Armlänge ist unbedingtes Muss. Ein wenig die Angst genommen hat mir ein kleines Fohlen, das mit seiner Mutter auf einer eingezäunten Wiese vor unserer Almhütte sein friedliches Dasein genoss. Mutig trat ich näher, immer die Stute im Auge behaltend, nicht wissend, wie sie reagieren würde, wenn ich mich ihrem Fohlen näherte. Doch kaum am Zaun angelangt, drehte mir das kleine Pferd sein Hinterteil zu und zeigte mir deutlich, was es von mir hielt …. so interpretierte ich jedenfalls sein Verhalten, bis mich der Besitzer der Pferde darüber aufklärte, dass das kleine Fohlen mir damit zeigte, dass es mit der Bürste gestriegelt werden wollte.
Ein markiges Erlebnis mit einem Pferd hatte ich, als ich von der Nachtschicht nach Hause ging, das Wetter war trüb und furchtbar neblig, sozusagen Jack-the-Ripper-London-Wetter. Es war so neblig, dass ich auf dem Parkplatz kaum mein Auto fand. Der Parkplatz grenzte an eine Pferdekoppel. Auf die Autosuche konzentriert hörte ich plötzlich neben mir ein leises unerwartetes „Brrrrr“. Bis ich realisiert hatte, dass das nur ein Pferd war, das mich im Nebel begrüßt hatte, hatten meine weichen Knie schon nachgegeben und ich saß zu Tode erschrocken, auf dem Boden. Zitternd, den Schreck noch in den Knochen, fuhr ich nach Hause. Was ich damals über das Pferd dachte, mag ich hier gar nicht wiedergeben. Das bestätigte nur meinen Entschluss, mich künftig von allem mit großen Augen und austretenden Gliedmaßen fernzuhalten.
Unvergesslich gestaltete sich allerdings ein Urlaub in Istrien. Zwei aus unserer Vierergruppe hatten beim Frühstück verkündet, dass sie den Tag als Cowboys verbringen wollten, was soviel hieß wie Reiten in freier Natur bis die Hornhaut auf dem Sitzfleisch wuchert. Natürlich wollte ich mir dieses Schauspiel nicht entgehen lassen, besonders deshalb, weil keiner von uns jemals vorher auf einem Pferd gesessen war. Wir suchten den Reiterhof auf, der außer dem Namen „Bonanza“ nichts mit der fernsehbekannten Ranch gemein hatte, mickrige schäbige verdreckte Stallungen, ein längst reparaturbedürftiges Gatter, eine niedergetrampelte graslose Wiese. Wir schlossen Wetten ab auf „Little Joe“ und „Hoss“, wer von den beiden zuerst im Dreck landen würde. Aus dem Reiten über die Weiten wurde nichts, die Pferdebesitzer erkannten sofort die Laien und erklärten kategorisch, entweder eine Stunde im Kreis auf der eingezäunten Wiese oder gar nicht. Die Pferde glichen ausrangierten ungepflegten Ackergäulen, struppiges schmutziges Fell, faule Zähne. Jeder echte Reiter hätte die Nase gerümpft, aber unsere Helden der Prärie waren nicht zu bremsen. Nachdem ich die Pferde und auch unsere Möchtegern-Cowboys angeschaut hatte, war ich mir nicht mehr sicher, wem die Hitze bereits mehr zugesetzt hatte. Das Aufsteigen auf die Pferde war schon erheiternd, ohne Hilfe ging hier gar nichts. Endlich im Sattel, die Zügel straff in der Hand, die Fersen leicht in die Flanken drückend, versuchten unsere Freunde, die Pferde zum Traben zu bewegen. Während der eine schneller als erwartet loslegte, stand der andere stocksteif da, ohne irgendwelche Anstalten machend, den Wünschen des Reiters nachzukommen. Verständlich, wer geht schon gern bei 35 Grad im Schatten immer im Kreis herum. Wahrscheinlich hatten die Pferde von den dämlichen Touristen die Nase schon gestrichen voll. Endlich, fast eine Runde war vollendet, stoppte der eine Gaul plötzlich, beugte sein Haupt und fraß genüsslich eine Distel. Das erregte den Unmut des Reiters, gerade mal eben so ein bisschen in Fahrt gekommen, stand dieses sture Vieh schon wieder still. Es war schwer, das Pferd zum Weitertraben zu bewegen, dann kurz vor dem Ende der zweiten Runde …. die gleiche Distel … das gleiche Drama …..dritte Runde ….. vierte Runde …. 45 Minuten lang …. ich glaube, man hätte ihm anstelle eines Reiters auch einen Kühlschrank aufladen können, sein Verhalten wäre das gleiche gewesen. Der andere Gaul zeigte sich widerspenstiger und war nur schwer in der Spur zu halten. Offensichtlich dauerte auch ihm die Stunde zu lange und er beschloss, „Little Joe“ in den Sand zu setzen, das Pferd ließ sich einfach umfallen, wälzte sich hin und her, die langen Läufe in die Luft gestreckt, während sich „Litte Joe“ mit einem heldenhaften Sprung zur Seite rettete. Nur knapp hatte ihn das sich im Staub wälzende Ungetüm mit seinem rechten Hinterlauf verfehlt. Das Reiten war unseren Cowboys gründlich vergangen, dafür haben sich zwei von uns köstlich über diese private Zirkusstunde amüsiert und zwar noch den ganzen Urlaub lang.
Hundstage
Wir haben eine Hündin und sie hat uns. Sie heißt Frau Einstein, weil sie so intelligent ist. Ihrem sprühenden Blick konnte unser Jüngster damals nicht widerstehen; als man ihm dann auch noch erzählte, dass irgendjemand sie in die Mülltonne geworfen , eine gute Seele sie dort gefunden und in die Arche Noah zum Aufpäppeln gebracht hatte, sie später aber bei einer anderen Familie unerwünscht war und nun ein guter Platz für sie gesucht wurde; öffnete sich das Herz meines Sohnes, das er mir mit seinen Tränen gefüllt dann so gekonnt vor die Füße warf, dass ich nicht mehr Nein sagen konnte, als er mich anflehte, den Hund behalten zu dürfen. Frau Einstein sah damals ein wenig zerrupft aus und war so klein, dass sie aufrecht unter unserem niedrigen Wohnzimmertisch durchlaufen konnte. Meine beiden Sohne waren begeistert, der Hausherr ebenfalls, ich fand sie lieb und reizend und hatte eine Menge Arbeit mit ihr. Ich baute ihr einen Hundezwinger mit Auslauf, wir bekamen eine Hundehütte geschenkt und so hatte sie tagsüber einen feinen Platz, wenn die Kinder in die Schule gingen und ich zur Arbeit musste.. Sobald jemand von uns nach Hause kam, durfte sie im Haus bleiben. Was sie nicht leiden konnte, waren geschlossene Türen. Sie kratzte solange daran, bis irgendjemand die Türen wieder öffnete. Um den Flurschaden in Grenzen zu halten, blieben die Türen offen. Schuhen aller Art schenkte sie große Aufmerksamkeit in Form von totaler Vernichtung. Wir schafften die Schuhe aus ihrem Sichtfeld. Sie war ein gelehriges Tier und nur ein paar Mal hat sie sich ihrer Körperflüssigkeiten auf meinem Teppich entledigt, was mir zwar ein paar graue Haare bescherte, den Rest der Familie aber nicht besonders gestört hat. Frau Einstein wuchs heran und hatte Narrenfreiheit. Auf dem Sofa hatte sie ihren Stammplatz, dem Hausherrn wärmte sie nachts am Fußende des Bettes die Füße. Darüber gabs heftige Diskussionen, ein Hund im Bett zählte nicht zu meinen Vorstellungen von einem sauberen Schlafzimmer. Doch da biss ich auf Granit. Der Hund blieb im Bett des Hausherrn. Eines Nachts wachte ich auf, weil ein heftiges Nachtgewitter mich aus dem Schlaf riss. Als ich die Augen aufschlug, starrte ich in die ängstlichen Augen von Frau Einstein, ihren Atem in meinem Gesicht spürend. Sie hatte es sich vor lauter Angst zwischen uns bequem gemacht. Ich schrie auf, doch sie rührte sich nicht von der Stelle, ich hob sie aus dem Bett, den Kommentar des Hausherrn „ lass sie doch, sie tut doch nichts“ missachtend, schnappte mein Bettzeug und zog ins Gästezimmer um. Am nächsten Tag wagte ich noch einen Vorstoß mit dem Satz „entweder der Hund oder ich“ und nachdem keine eindeutige Entscheidung fiel, blieb ich vorerst im Gästezimmer. Als wir die neue Wohnzimmergarnitur bekamen, dauerte es eine Woche, bis sie kapiert hatte, dass das Sofaliegen ein Ende hatte. Aber nichts konnte den Hausherrn dazu bewegen, seinen Fußwärmer aus dem Schlafzimmer zu verbannen und Frau Einstein wechselte mit großer Selbstverständlichkeit vom Hundekorb ins Hausherrenbett und umgekehrt. Die Bettwäsche verlor schon die Farbe vom vielen Waschen. Vor kurzem allerdings gab es eine einschneidende Veränderung, seither schläft unsere Hündin im Vorzimmer. Frau Einstein hat trotz ihrer Intelligenz aber offensichtlich nicht mehr Herr ihrer Körperfunktionen in des Hausherrn Bett gespieben. Das war selbst ihm zuviel und seitdem verzichtet er auf seine Fellwärmflasche. Das Gästezimmer ist jetzt wieder frei.
Das Wandern ist des Müller´s Lust …..
Wandern ist für mich das Schönste …. im Einklang mit der Natur Höhen und Tiefen zu erklimmen … nach einer Woche Wanderurlaub frisch gestärkt und mit viel Sauerstoff im Blut mich voller Elan wieder ins Alltagsleben zu stürzen …. das ist es … das ist meins ….aber es klappt nicht jedes Jahr … da fehlt mir dann was … und so versuche ich ab und zu mit einem Tagesausflug mein sportliches Defizit zu verringern … das ist gar nicht so einfach mit meiner gut bespeckten Hüfte …
Meine Freundin und ich beschließen also, es an einem Sonntag Morgen mal wieder zu versuchen, schnüren unsere Wanderschuhe, bewaffnet mit Walking-Stecken und Rucksäcken heißt es: „Rauf auf den Schöckel, nur der frühe Vogel fängt den Wurm!“ Wir beginnen den Aufstieg an der Lifttrasse …. ziemlich steile Angelegenheit … jedenfalls für uns Ungeübte … aber der sich sanft um den Berg schlängelnde Wanderpfad ist uns dann doch zu mickrig und nicht Herausforderung genug ….voller Zuversicht beginnen wir den Aufstieg und auch zu schnaufen …. alle paar Meter müssen wir anhalten …. ich weiß dass die erste Stunde beim Wandern immer die Schlimmste ist, bis sich der Körper darauf eingestellt und ganz besonders sich die Lunge von Nikotinresten halbwegs freigeatmet hat, aber dann geht’s etwas leichter …die Wanderspur unter der Lifttrasse ist schmal und schon ziemlich ausgetreten … ab und zu weichen wir aus, da wir oft überholt werden … sehnsüchtig schau ich den strammen Wadeln hinterher und denk mir: kein Wunder, der ist in Übung, das sieht man … manche kommen mit Hunden, hier haben teilweise sogar die Hunde Mühe, mit ihren Herrln Schritt zu halten …einige schauen uns böse an, weil wir ihren Wanderfluss stören, da wir die Spur blockieren und sie um uns herum gehen müssen …. andere sind sehr nett, als wir uns entschuldigen, eben weil wir alles blockieren …aber sie sagen, dass es egal sei, wie lange man braucht, Hauptsache man tut überhaupt was, während ich versuche, das offensichtlich in ihren Augen aufblitzende Mitleid zu ignorieren … aber es ist ungemein tröstend und ermutigt uns, bloß nicht schlapp zu machen ….wir kommen uns nicht mehr ganz so unbedarft vor ….eine kleine Rast auf einem großen Stein folgt …plötzlich schießt an uns jemand vorbei ….meine Freundin und ich schauen uns an um dann fassungslos diesem Verrückten hinterher zu blicken … hast du so was schon gesehen … während wir uns mühsam hoch kämpfen, rennt der die Trasse runter, als würde es nichts einfacheres geben … selbst das lose Geröll unter seinen Füßen nimmt kaum Notiz davon ….unfassbar … sensationell ….beeindruckend … und schon ist er unseren Blicken entschwunden ….komm, raffen wir uns auf …. ein Fuß vor den anderen beginnen wir weiter zu gehen ….irgendwer hat behauptet, er habe die Trasse in 40 Minuten geschafft …. niemals glaub ich das, niemals ….. wir sind schon ne Stunde unbterwegs und haben nicht mal ein Drittel ….was die Leute so alles zusammen lügen … unglaublich …..der Schweiß rinnt, das Schnaufen wird leiser, das heißt es hört sich wenigstens nicht mehr so an, als würden wir gleich tot umfallen ….die mitleidigen Blicke werden weniger …. wenigstens ein kleiner Erfolg …. doch wer ist das… den kenn ich doch …. den hab ich schon irgendwo mal gesehen …. dann wird’s hell in meinem Kopf …. sicher, das ist der Verrückte, der vor ner Viertelstunde an uns vorbeigerannt ist …. der rennt der Berg schon wieder rauf und überholt uns affenzahnmäßig …. meine Freundin und ich sehen uns an … dann fangen wir zu lachen an, dass wir uns niedersetzen müssen ….nach gut eineinhalb Stunden haben wir die Hälfte geschafft …. um unseren schmerzenden Füßen etwas Erholung zu gönnen, machen wir einen kleinen Umweg über den Wald, nicht so steil und sehr erholsam ….ein Blick hinauf zeigt uns, dass noch einiges vor uns liegt, ein tiefer Seufzer gepaart mit unbändigem Überlebenswillen entweicht meiner Brust …. auf geht’s …. wir werden wieder überholt, andere kommen vom Berg schon wieder zurück …. inzwischen begrüßen wir uns wie alte Bekannte, winkend, freundlich lächelnd …. obwohl wir uns eigentlich gar nicht kennen ….auch so kann man Leute kennen lernen, stelle ich fest…. natürlich sind alle automatisch per „Du“ … über 1000 m gibt’s kein „Sie“ mehr …. man fühlt sich wie in einer großen Familie, ich allerdings fühl mich darin konditionsmäßig wie die Urgroßmutter ….endlich nach dreieinhalb Stunden …. die ersehnte Almhütte im Blick ….der erste Kuhfladen gehört mir und rinnt ganz gemächlich über die Schnürsenkel in meinen Wanderschuh … muss wohl einen besonders ergiebigen erwischt haben ….das dämpft das euphorische Glücksgefühl des gelungenen Aufstiegs etwas …. Gras und Wasser gibt’s genug und halbwegs gesäubert lassen wir uns wie nasse Säcke auf die Holzbank vor der Hütte fallen ….obwohl wir eigentlich unseren Hüftspeck etwas abtrainieren wollten, können wir einem Topfenstrudel und einem Café nicht widerstehen …pfeif auf den Speck ….frisch gestärkt geht’s noch ein bisschen höher zum Startplatz der Drachenflieger … aber die haben wohl auch nicht so lange auf uns warten können ….dafür haben wir ne Bombenaussicht und auf dem Rücken im weichen Gras liegend lassen wir den Wandertag ausklingen …. zurück fahren wir mit der Gondel talwärts ….unsere Füße schreien bitte bitte nicht mehr laufen …..kurz vor der Talstation gibt’s noch nen Wolkenbruch und so hat dieser Tag ein würdiges Ende gefunden ….und uns ne prima Ausrede geliefert … wir mussten abbrechen, weil das Wetter schlechter wurde …. so ein Pech! Als wir dann nach Hause kommen, heißt es: ihr seht ja richtig gut erholt aus! Und so fühlen wir uns auch! (Und die, die was anderes behaupten könnten, die sind nicht da und mit denen sind wir auch wieder per „Sie“!)
Kabelsalat
Bei uns im Haus gibt es zwei heilige Kühe: eine davon hat vier Räder und steht in der Garage, die zweite steht im Wohnzimmer und hat ne Menge Knöpfe. Des Hausherrn liebstes Kind: seine Stereo-Anlage.
Süchtig nach dem perfekten Klang versucht er, die Boxen ideal zu platzieren, und leidet, weil mein Verständnis für derartige technische Feinheiten beim Einschaltknopf endet. Je nach Platzbedarf werden die Boxen von mir verstellt oder als Ablagefläche benutzt, Kabel lockern sich, eine Box streikt nun gänzlich, beim Laut- und Leisedrehen kracht es im Receiver und als unser Jüngster mit Buntsstiften eine Box künstlerisch gestaltet, vergeht auch dem Hausherrn die Liebe zur Musik.
Endlich ist der Wohnbereich fertig und er wagt einen neuen Vorstoß, die Kinder sind erwachsen und vor unkontrollierbaren Überfällen auf seine guten Stücke muss er sich nicht mehr fürchten. „Hast Du ein Antiquariat überfallen?“ fragt ihn der Jüngste, als er sein Tonbandgerät aufstellt. „Entsorg den alten Ramsch und schaff dir neue Geräte an!“ empfiehlt ihm der Ältere. Doch trotz dieser feinfühligen Kommentare werden Ein- und Ausgänge gemessen. Ein Eingang des Receivers ist defekt, eine Box hat ne Macke, das Videogerät pfeift auf dem letzten Loch. Da gibt´s nur eines: Abbauen, Einpacken, Schleppen, Hinbringen, Reparieren lassen, Abholen, Schleppen, Auspacken, Aufbauen! Das dauernde Hin und Her stresst ihn, die Luft ist zum Schneiden dick, sein Frust entlädt sich in dem Satz: „Kann mir mal vielleicht irgendeiner die Taschenlampe halten?“.
Als alle Geräte wieder miteinander verbunden sind, versagt die zweite Box ihren Dienst. Dem Receiver ist offensichtlich die Fummelei mit den Kabeln auch zuviel geworden und der Satz „Mist, ich habe einen Ausgang geschlachtet“ leitet erneut die bereits bekannte Prozedur ein: Abbauen, Einpacken ………!
Der Plattenspieler hat ebenfalls ein biblisches Alter, die alten Scheiben werden aufgelegt. Sie sind etwas verstaubt und man hört leichte Kratzgeräusche aus den Boxen. Das stört sein musikalisches Empfinden beträchtlich. „Geh doch mal rauf auf den Dachboden und schau mal, ob du das Zubehör zum Platten putzen findest.“ Meine Antwort „Such selber, hab jetzt was Besseres zu tun, als den ganzen Dachboden umzugraben!“ trägt auch nicht dazu bei, die sowieso schon aufgeheizte Stimmung positiv zu beeinflussen. Die Nadel auf der Langspielplatte fängt zu hüpfen an, da die Bässe das Regal zum Vibrieren bringen. Da muss Abhilfe in Form von schalldämmenden Kegeln her, auf die die Boxen gestellt werden. Tina Turner mit „River Deep And Mountain High“, bis die Wände wackeln, Simon and Garfunkel mit „Bridge Over Troubled Water“ bis zum Abwinken. Im stillen sehne ich mich nach dieser viel besungenen Brücke, um runterspringen zu können. „Wo gehst du denn hin, ich dachte, das ist deine Lieblingsmusik?“ fragt er, als ich Richtung Garten gehe.
„Das schon, aber mein Gehör hat einen Urlaubsantrag eingereicht!“
Ein neuer DVD-Player ist unbedingtes Muss! Dolby Surround in einer Lautstärke, die einem Kino gerecht wird, auf 60 qm Wohnfläche, eine einzige Peinigung bei Autorennen oder Fußballspielen.
Ein paar Tage später bekommt er eine CD mit Steirischer Volksmusik geschenkt. Eigentlich ist das gar nicht unsere Musikrichtung und auch meine Frage, ob er sie vom Sender mit den meisten Hörertoten geerbt habe, hält ihn nicht davon ab, diese Zwangsbeglückung einzuleiten. Volle Pulle nachts um 23 Uhr. Mein Hinweis, er solle leiser schalten, weil oben die Jungen schlafen, wischt er mit einer Handbewegung zur Seite. Plötzlich steht unser Ältester im Raum: „Hej, Alter, bist eingeraucht oder was?“ Zwei weitere Boxen werden angeschafft. Wenn jetzt im Oberstock jemand schläft, wird mit den, fachmännisch ausgedrückt, hochtonlastigen Boxen Musik gehört, wenn keiner daheim ist, mit den bassdröhnenden Ungeheuern und wenn auch noch die Nachbarn verreist sind, kommen alle vier Boxen gleichzeitig zum Tragen. Der Hausherr ist begeistert. Soviel Musik wie jetzt hat die Stereo-Anlage überhaupt noch nie verkraften müssen. Sie wird zu heiß. Ein Ventilator wird angeschafft. Ein Plätzchen im Regal findet sich. Er bläst hinter den Geräten vorbei, die Luft kreist kühl um die im Wohnzimmer Sitzenden. Eindeutig zuviel Power nur zum Geräte kühlen. Meine Feststellung: „Praktisch, kann ich mir das Staubwischen sparen, wird alles gleich weggeblasen!“ treibt ihn wieder ins Fachgeschäft. Am nächsten Tag bringt er einen kleinen Ventilator mit. Der reicht allerdings nur für ein Gerät. Ein zweiter ist notwendig fürs Tonband. Den dritten bekommt der Fernseher. Wenn schon, denn schon. Leider haben diese Ventilatoren einen gewissen Geräuschpegel, der den Musikgenuss leicht beeinträchtigt. „Stell doch die Musik so laut, dass das Ventilatorengeräusch untergeht und damit das Gehör nicht überstrapaziert wird, können wir die Ohren ja mit Ohropax verstopfen“. Er antwortet mir darauf nicht, aber sein Blick spricht Bände.
Das Verkabeln ist kompliziert. Die Hinterfront des Regals gleicht einem surrealistischen Gemälde Picassos, schwarze, weiße, kupferfarbene Kabel schlängeln sich gut sichtbar hinter den Geräten vorbei, Kabelsalat en gros.
Da stellt sich heraus, dass der Fernseher, sofern er über die Stereo-Anlage läuft, nicht mehr per Fernbedienung laut und leise zu schalten ist. Das heißt, in den Werbepausen rettet nur ein schneller Sprung vom Sofa das Gehör vor Spätschäden. Außerdem ist es nicht mehr möglich, dass über Kopfhörer Musik gehört werden kann und gleichzeitig ein anderer Fern schaut. Das ist nicht im Sinne des Erfinders, daher werden im Essbereich die restlichen Geräte kombiniert, zwei weitere Boxen incl. schalldämmender Kegel werden besorgt, der alte CD-Player angeschlossen. Hier kann jetzt per Kopfhörer Musik genossen werden, während sich zwei Meter weiter die Fernsehsüchtigen wälzen.
Wir haben jetzt in einem einzigen Raum sozusagen die einfache Anlage, die zum Frühstück eingeschalten wird und mit der sogar ich noch zurecht komme, ohne dass Gefahr besteht, technische Teile zu zerstören. Und die Dolby-Luxus-Version, die für die musikalische Bereicherung an Wochenenden und Feiertagen gedacht ist, damit der Hausheer auch noch was davon hat, wenn er 10 m weiter im Garten entspannt schnarchend auf seinem Liegestuhl dahinrelaxt.
Leider ist der Radioempfang der Frühstücksanlage nicht immer störungsfrei. Seine Frage „Liegen nicht irgendwo auf dem Dachboden noch Zimmerantennen?“ treibt mir den Schweiß auf die Stirn. „Die hab ich ungarisch entsorgt!“ Das bringt das Fass zum Überlaufen und bissig zischt er zu mir rüber: „Drück doch den Ungarn regelmäßig monatlich hundert Euro in die Hand, dann kannst du dir das Einkaufen und auch das Wegschmeißen sparen!“
Die neue Zimmerantenne wird perfekt platziert und sorgt für einwandfreien Musikgenuss. Die Prämisse an mich: hier wird nicht geputzt, damit sie nicht verstellt wird. Hier putzt nur der Hausherr selbst. Auch gut! Aber ich bin zu klein, um sie problemlos erreichen zu können, ein selbst konstruierter Schalter in Hüfthöhe löst auch dieses Problem.
Am Abend stellen wir fest, dass unser Fernsehgerät simultan übersetzt, die linke Box spricht Deutsch, die rechte Englisch. Kein Problem für den Hausherrn, ein Knopfdruck genügt und alles ist wieder so wie es sein soll.
Allerdings beschäftigt mich noch eine Frage: Wie kann ich die Aufmerksamkeit des Hausherrn, die er in den letzten Wochen ausschließlich der Stereo-Anlage widmete, mal wieder auf mich lenken? Plötzlich fällt mir die Lösung ein. Ich werde mich in einen erotischen Fetzen wickeln und ins unterste noch leere Regalfach legen. Vielleicht krieg ich auch einen eigenen Ventilator.
Der Knopf
Der Satz „Du, hier am Hemd wird der Knopf bald abfallen“ leitet das morgendliche Frühstück ein. Superklasse. Ich hasse es, Knöpfe anzunähen. „Zeig mal her … ach der hält schon noch, mindestens heute … morgen nähe ich ihn dir an“.
Am Abend der erste Satz: „Du, der Knopf fällt bald ab, näh ihn an, bevor Du das Hemd in die Waschmaschine gibst, sonst frisst ihn die Waschmaschine…“. Das Thema Knopf fängt an mich zu nerven. Ich hole die Schere, schneide ihn ab, lege ihn auf den Küchentisch. „Wenn Du ihn dort liegen lässt, wird er bald verschwunden sein!“
Ich denke, das wird er nicht! Nach einer Woche liegt das Hemd noch immer in der Bügelwäsche, der Knopf noch immer auf dem Küchentisch, allerdings inzwischen verdeckt von Zeitungen, Einkaufszetteln, Schlüsseln. „Hast Du den Knopf schon angenäht?“ Ich hasse diese Frage, fühle mich unter Druck gesetzt. „Morgen nähe ich ihn an!“
„Der Knopf ist doch sicherlich schon verloren gegangen, wie ich Dich kenne!“
Nein, ist er nicht! Ich forsche unter den Zeitungen, Einkaufszetteln und Schlüsseln! Find ihn nicht! Mist, das Ding ist wirklich fort … aber nein, da ist er ja. Stolz halt ich ihn hoch. „Hier ist er, was Du immer hast! Morgen, versprochen, nähe ich ihn Dir an.“
Dieser dämliche kleine beige-braun-farbige Knopf, dieses unscheinbare Etwas schafft es wirklich, mir langsam meine gute Laune zu verderben. Inzwischen sind die Hemden gebügelt, bis auf das eine, wo der Knopf fehlt. Eigentlich hätte ich jetzt Zeit, dieses nichtssagende kleine Ding seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen, nämlich den Ärmel zusammenzuhalten. Keine Lust! Jetzt hat er schon seinen Stammplatz auf dem Küchentisch, kann er auch noch eine Zeit lang dort liegen bleiben.. Beim Säubern des Tisches schnicke ich ihn versehentlich vom Tisch, er fällt in die Wasserschüssel des Hundes. Der wiederum glaubt, es gäbe ein außertourliches Häppchen, hetzt zur Schüssel, genau wie ich. Seine Zähne und meine Finger treffen sich dort, aber ich bin schneller, der Knopf ist gerettet … und ich auch. Heute Abend werde ich ihn annähen, ganz sicher. Am nächsten Morgen verstecke ich den Knopf vor den Augen des Hemdbesitzers. Heute könnte ich den Satz „hast Du den Knopf schon angenäht“ einfach nicht ertragen. Endlich, nach einiger Selbstüberwindung, fische ich das Nähzeug aus dem untersten Schrankfach, fange an, den Faden in die Nadel zu fädeln, lege das Hemd zurecht, greife nach dem Knopf … da passiert es. Er rutscht mir aus den Fingern, rollt unterm Tisch durch und verschwindet hinter dem Küchenkasten. Bingo! Jetzt kann ich den Schrank ausräumen und vorziehen, um den Knopf wieder zu bekommen. Da überkommt mich mein angeborener Phlegmatismus. Soll ich mich von einem Knopf zum Affen machen lassen? Niemals! Dieses Ding hat mich lange genug gepeinigt! Zielstrebig greif ich in die kleine Schachtel mit allen bisher gesammelten Knöpfen, finde einen in der entsprechenden Größe, nur die Farbe passt nicht. Pfeif drauf, wen interessiert schon ein Ärmelknopf? Endlich, das Hemd ist wieder vollständig. „Ist das das Hemd, wo der Knopf angenäht werden musste?“ Ein langgedehntes „Ja, wieso?“ bremst ihn ab. „Irgendwie passt der nicht zu den anderen Knöpfen!“
„Sicher passt der, schließlich hab ich den Knopf angenäht, der vorher dran war!“
Er schaut mich etwas ungläubig an, aber schließlich akzeptiert er meine Antwort!
Glück gehabt! Gerade noch mal die Kurve gekriegt! Und das nächste Mal werde ich mich von einem kleinen Knopf nicht so nerven lassen, der nächste lose Knopf … und das Hemd verschwindet im Rot-Kreuz-Sack! Wo käme ich schließlich hin, wenn ich es zuließe, dass mich jetzt schon Knöpfe terrorisieren!
Der Adam ist an allem schuld ….
Als mein Jüngster ungefähr acht Jahre alt war, hörte er den Nachrichtensprecher, wie er von einem tödlichen Unfall einer Sportlerin berichtete. Das beschäftigte ihn sehr und er fragte mich: „Mama, das mit dem Unfall, das war doch der Teufel, das kann der liebe Gott nicht gewesen sein, der macht so was nicht!“
Ich bemühte mich, ihm dies zu erklären, erzählte ihm von den Menschen mit dem Willen zur eigenen Entscheidung, dass eine einmal getroffene Entscheidung auch Konsequenzen haben kann, dass das alles anders wäre, wenn Adam im Paradies auf Gott gehört und den Apfel nicht gegessen bzw. dann nicht gelogen hätte, erzählte ihm von der Vertreibung aus dem Paradies (hier nutzte ich den Moment, ihm biblische Vorgänge näher zu erklären), dass wir deshalb heute im Schweiße unseres Angesichtes unser Brot verdienen müssten, außerdem uns der steinige Weg zum Himmel erspart geblieben wäre … ich erklärte fast, ohne Luft zu holen … lange Rede, andächtiges Zuhören … ich war so richtig in Fahrt.
Kurze Atempause … der Kleine schaut mich total entrüstet an und sagt: „Mama, der Scheiß Adam!“
Eine Stunde später kommt der Große aus der Schule nach Hause, berichtet von Schwierigkeiten und dass ich in die Schule kommen muss, weil er das Packpapier, das über die Zeichentische gespannt war, mit dem Feuerzeug angekokelt hatte.
Der Jüngste nutzt sein neu erworbenes biblisches Wissen, um seinen Bruder zu verteidigen: „Mama, daran ist nur der Adam schuld!“