Der Knopf

19 Mai, 2008 at 0:48 (Kurzgeschichten) (, , , )

Der Satz „Du, hier am Hemd wird der Knopf bald abfallen“ leitet das morgendliche Frühstück ein. Superklasse. Ich hasse es, Knöpfe anzunähen. „Zeig mal her … ach der hält schon noch, mindestens heute … morgen nähe ich ihn dir an“.
Am Abend der erste Satz: „Du, der Knopf fällt bald ab, näh ihn an, bevor Du das Hemd in die Waschmaschine gibst, sonst frisst ihn die Waschmaschine…“. Das Thema Knopf fängt an mich zu nerven. Ich hole die Schere, schneide ihn ab, lege ihn auf den Küchentisch. „Wenn Du ihn dort liegen lässt, wird er bald verschwunden sein!“
Ich denke, das wird er nicht! Nach einer Woche liegt das Hemd noch immer in der Bügelwäsche, der Knopf noch immer auf dem Küchentisch, allerdings inzwischen verdeckt von Zeitungen, Einkaufszetteln, Schlüsseln. „Hast Du den Knopf schon angenäht?“ Ich hasse diese Frage, fühle mich unter Druck gesetzt. „Morgen nähe ich ihn an!“
„Der Knopf ist doch sicherlich schon verloren gegangen, wie ich Dich kenne!“
Nein, ist er nicht! Ich forsche unter den Zeitungen, Einkaufszetteln und Schlüsseln! Find ihn nicht! Mist, das Ding ist wirklich fort … aber nein, da ist er ja. Stolz halt ich ihn hoch. „Hier ist er, was Du immer hast! Morgen, versprochen, nähe ich ihn Dir an.“
Dieser dämliche kleine beige-braun-farbige Knopf, dieses unscheinbare Etwas schafft es wirklich, mir langsam meine gute Laune zu verderben. Inzwischen sind die Hemden gebügelt, bis auf das eine, wo der Knopf fehlt. Eigentlich hätte ich jetzt Zeit, dieses nichtssagende kleine Ding seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen, nämlich den Ärmel zusammenzuhalten. Keine Lust! Jetzt hat er schon seinen Stammplatz auf dem Küchentisch, kann er auch noch eine Zeit lang dort liegen bleiben.. Beim Säubern des Tisches schnicke ich ihn versehentlich vom Tisch, er fällt in die Wasserschüssel des Hundes. Der wiederum glaubt, es gäbe ein außertourliches Häppchen, hetzt zur Schüssel, genau wie ich. Seine Zähne und meine Finger treffen sich dort, aber ich bin schneller, der Knopf ist gerettet … und ich auch. Heute Abend werde ich ihn annähen, ganz sicher. Am nächsten Morgen verstecke ich den Knopf vor den Augen des Hemdbesitzers. Heute könnte ich den Satz „hast Du den Knopf schon angenäht“ einfach nicht ertragen. Endlich, nach einiger Selbstüberwindung, fische ich das Nähzeug aus dem untersten Schrankfach, fange an, den Faden in die Nadel zu fädeln, lege das Hemd zurecht, greife nach dem Knopf … da passiert es. Er rutscht mir aus den Fingern, rollt unterm Tisch durch und verschwindet hinter dem Küchenkasten. Bingo! Jetzt kann ich den Schrank ausräumen und vorziehen, um den Knopf wieder zu bekommen. Da überkommt mich mein angeborener Phlegmatismus. Soll ich mich von einem Knopf zum Affen machen lassen? Niemals! Dieses Ding hat mich lange genug gepeinigt! Zielstrebig greif ich in die kleine Schachtel mit allen bisher gesammelten Knöpfen, finde einen in der entsprechenden Größe, nur die Farbe passt nicht. Pfeif drauf, wen interessiert schon ein Ärmelknopf? Endlich, das Hemd ist wieder vollständig. „Ist das das Hemd, wo der Knopf angenäht werden musste?“ Ein langgedehntes „Ja, wieso?“ bremst ihn ab. „Irgendwie passt der nicht zu den anderen Knöpfen!“
„Sicher passt der, schließlich hab ich den Knopf angenäht, der vorher dran war!“
Er schaut mich etwas ungläubig an, aber schließlich akzeptiert er meine Antwort!
Glück gehabt! Gerade noch mal die Kurve gekriegt! Und das nächste Mal werde ich mich von einem kleinen Knopf nicht so nerven lassen, der nächste lose Knopf … und das Hemd verschwindet im Rot-Kreuz-Sack! Wo käme ich schließlich hin, wenn ich es zuließe, dass mich jetzt schon Knöpfe terrorisieren!

1 Kommentar

  1. ute sagte,

    Diese Geschichte spricht mir aus der Seele!!!!
    Überall im Haus liegen Knöpfe herum, die darauf warten angenäht zu werden (geht ja schnell) und wenn ich dann so weit bin, dann sind sie weg….komisch….ich find’ sie dann oft einfach nicht mehr….blöde Knöpfe, die BLÖDEN!!!!
    ute

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