Messerwahnsinn

19 Mai, 2008 at 1:06 (Kurzgeschichten) (, , , )

Angefangen hat alles mit einem Gutschein für ein Messer, der ihr beim Zeitung lesen entgegen flatterte und da sie seine Vorliebe für Messer kannte, besorgte sie ihm zum 50. Geburtstag kurz entschlossen ein japanisches Shun-Kochmesser, dessen Klinge aus 32 Lagen Damaszener Stahl und die innerste Lage aus V-Gold-Stahl bestand, der Griff war aus ergonomisch geformtem, fein laminiertem Pakka-Holz. In dem beigelegten Folder wurde auch darauf hingewiesen, dass jedes Shun-Messer handgefertigt und daher ein Unikat ist. Irgendwie beschlich sie das Gefühl, dass sie hier was ganz Besonderes ergattert hatte … ähnlich einer seltenen Briefmarke, die man nicht ordinär auf irgendeinen Umschlag klebt, sondern gut gelagert immer nur anschaut, wenn einem danach ist .
Wie sich herausstellte, hatte sie mit ihrem Geschenk genau ins Schwarze getroffen. Begeistert und animiert von der Schärfe dieser in einem edlen Holzgriff verankerten Stahlklinge versuchte er, aus alten Kreissägeblättern selbst Klingen herzustellen. Er schliff und schliff und schliff … der Vergleich mit dem echten Shun-Messer war nicht besonders ermutigend, in einem Wettbewerb würde das Ereignis angekündigt mit „Mopedauto gegen Ferrari“.

Zu Weihnachten bekam er ein Shun-Gemüsemesser. Noch am Weihnachtsabend wurde jegliches Gemüse, das für die Feiertage im Kühlschrank eingelagert war, in Ministücke zerschnipselt. Alle Familienmitglieder probierten das Messer aus, waren begeistert und aßen drei Tage Gemüseeintopf.

Sie ging daraufhin zur Tagesordnung über, er ins Internet. Hier las er alles, was er über Shun-Messer finden konnte und vergrößerte seine Sammlung: Brotmesser, Kochmesser, Tomatenmesser, Schinkenmesser mit Kullenschliff, Steakmesser, Allzweckmesser… natürlich mussten auch Messerblöcke her und damit die Dinger auch scharf blieben, ein spezieller Schleifstein, der vor dem Benutzen in Wasser gelegt werden musste.

Die Messer wurden natürlich nur mit der jeweilig entsprechenden Scheide artgerecht gelagert. Überflüssiges wie Gummiringe, Streichhölzer, Geschenkpapier wurde aus den Schubladen entfernt und in der Küche verstreut, um Platz zu schaffen für die edlen Stücke.
Sie beobachtete diese Entwicklung mit Stirnrunzeln und war bemüht, für die herumliegenden Dinge wieder einen würdigen Platz zu finden.

In einem Anfall von Kreativität beschloss er eines Tages, die Messergriffe künftig selbst zu schnitzen. Dass Olivenholz dafür am besten geeignet ist, wusste er schon … hartes Holz, das von seinem Bearbeiter eine Menge Geduld erforderte. Das Schnitzen war mühsam, nur winzige Stücke lösten sich und flogen in hohem Bogen in die Küche … zu klein, um hinter jedem Stückchen herzuhetzen, sinnlose Zeitverschwendung. Der Messerfan schnitzte, der Staubsauger saugte und ihr kamen die ersten Zweifel, ob ihr Geschenk wirklich so eine gute Idee gewesen war. Aber er behauptete, dass er sich beim Schnitzen und Schleifen mächtig entspanne … kleine Kunstwerke entstanden, wunderschöne Griffe … nur das Herstellen der Klingen bedurfte noch einer gewissen Kunstfertigkeit.

Der Satz „Du, ich hab einen Schmied im Nachbardorf gefunden, der mir das Schmieden beibringen wird“ leitete eine neue Ära ein. Sein Freund hatte den Wunsch geäußert, dass es toll wäre, wenn er ein Melonenmesser zustande brächte. Ein großes Messer mit einer langen gebogenen Klinge entstand, es stellte sich jedoch heraus, dass es mit kleinen Mängeln behaftet war. Die Klinge war nicht hart genug, das Ganze ähnelte mehr einer Luftschlange, ein paar unregelmäßige Brocken brachen aus der Melone … doch kleine Fehlschläge bremsen einen echten Fan nicht.

Der Schmiedekurs war beendet … aber er brauchte noch Übung. Im Internet fand er einen Amboss und eine Feldschmiede. Sie, beruflich gestresst, kam gerade nach Hause, als er sie mit der Frage überfiel, wo er wohl seine Feldschmiede am besten platzieren könne. Die Holzhütte direkt am Haus erschien ihr wegen der zu erwartenden Rauchbelästigung nicht ideal, aber erst ihr Einwand, dass das nur praktisch wäre, wenn er die Absicht hätte, die Holzhütte und das Haus gemeinsam abzufackeln, ließen auch ihn an diesem Standort zweifeln. Momentan überfordert und desinteressiert schlug sie ihm vor, die Feldschmiede in sein Schildkrötengehege zu stellen. Nun hing der Haussegen schief. Schweigend lief er durch den Garten, auf der Suche nach dem geeigneten Platz. Schwierig auf einer Parzelle von 800 m2, wo die Hälfte schon verbaut ist. Doch dann, ein Lichtblick, links oben im Eck würde es gehen … der Klarapfelbaum wurde der Länge nach halbiert, damit war auch sie einverstanden und der häusliche Frieden wieder hergestellt. Kürzlich hat er sich eine Feuerzange besorgt, eine Lederschütze zum Umbinden braucht er noch.

Wo das hinführen wird, weiß keiner. Vielleicht wird er mal ein berühmter Messerwerfer. Ein bisschen Platz für eine Drehscheibe, auf die man ein mutiges Opfer binden kann, findet sich sicher noch im Garten!

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