Schifoarn…..!

19 Mai, 2008 at 0:40 (Kurzgeschichten) (, , )

Winston Churchill ist mit dem Ausspruch „No Sports“ berühmt geworden und ich habe es in meinem Leben eigentlich auch immer so gehalten. Sport war für mich mehr Strafe als Genuss. Schon bei Wettkämpfen im Hauptschulalter war ich der große Verlierer. Meine damalige Freundin war die Schnellste der Klasse und bei sportlichen Veranstaltungen mein Laufpartner. Während der ersten paar Meter liefen wir noch auf gleicher Höhe, doch kurze Zeit später startete sie durch und war lange vor mir im Ziel. Beim Weitwurf habe ich es nie über die 5 m-Grenze geschafft und wenn ich wirklich einmal etwas weiter gesprungen bin als man normalerweise von mir gewohnt war, bin ich entweder wie ein Maikäfer auf dem Rücken gelandet und hab mir damit meine Glanzleistung vermasselt oder der Sprung wurde wegen falschen Absprunges nicht gewertet. Während andere ihre Sieger- und Ehrenurkunden bekamen, bekam ich ein langes Gesicht vor Enttäuschung.
Mit 18 Jahren begann ich Ski zu fahren. Nicht weil ich es wollte, sondern weil mein Freund begeistert diesem Sport frönte. Die Ausrüstung war mager: die Skier hatten eine Länge von 2,10 m, was bei einer Körpergröße von 1,62 m kamikazeverdächtig ist. Außerdem besaßen sie noch diesen Bindungsdraht, der den heutigen Sicherheitsbindungen nicht einmal mehr ähnelt. Die Skihose war viel zu dünn, um den eisigen Wind auf den Höhen abzuhalten, die Skistiefel noch zum Schnüren, ohne Knöchelschutz und viel zu groß, was sich durch zwei Paar dicke Socken leidlich ausglich. Kurz gesagt: eine einzige Peinigung! Meine Angst beim Gondel fahren oder das Frieren an kilometerlangen Schleppliften und das heftige Herzflattern, das mich überfiel, wenn ich die steilen Abfahrten sah, ließen Spaß an dieser Freizeitbeschäftigung gar nicht erst aufkommen. Aber mein Freund war unerbittlich … bei ihm hieß es wild entschlossen: mit der ersten Gondel rauf auf den Berg und mit der letzten runter! Er verheimlichte mir wohlweislich den Waldweg, der sich, wie für den Anfänger gemacht, um den Berg schlängelte, um mich möglichst schnell in die Geheimnisse des alpinen Skifahrens einzuweihen. Er ließ sich nicht beirren, dass ich es noch lernen würde, auch wenn ich zeitweise mit Tränen der Verzweiflung in den Augen auf dem Rücken oder mit dem Kopf voraus die Piste hinunterrutschte. Total verliebt wollte ich ihm beweisen, dass ich seiner würdig bin und obwohl er manchmal schon mit rollenden Augen meinen Kampf mit den Brettern beobachtete, biss ich ihm zuliebe die Zähne zusammen und litt still vor mich hin, in der heimlichen Hoffnung, mich doch noch zu außergewöhnlichen alpinen Leistungen steigern zu können. Zwei Jahre später quälte ich mich immer noch schipflugmäßig über die Pisten, während andere mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbeisausten. Irgendwann dachte ich dann, was die können, kann ich auch und mutig ergab ich mich meinem persönlichen Geschwindigkeitsrausch, kam jedoch mit den Skispitzen über Kreuz, machte eine halbe Drehung in der Luft und schlug ziemlich fest mit dem Gesicht auf der verharschten Piste auf. Es war ein gewaltiger Sturz und als ich dann wenig später heulend in der Toilette der Skihütte stand und meine Schürfwunden betrachtete, erkannte ich plötzlich, dass es vielleicht an meiner dürftigen Ausrüstung liegen könnte, dass mir das Skifahren keinen Spaß machte. Gegen den Willen meines Freundes, der meinte, die alten Schuhe hätten´s die paar Tage auch noch getan, stürzte ich ins nächste Sportgeschäft, kaufte mir kurz entschlossen die besten Skischuhe, die ich finden konnte, einen dick wattierten Skianzug (so eine Verschwendung, wer weiß, ob der bei meinem Appetit im nächsten Jahr noch passen würde) und ein Paar wendefreudige und meiner Körpergröße angemessene Skier. Plötzlich sah die Welt ganz anders aus. Die Skier drehten sich von ganz allein, lässig wedelte ich frohen Mutes die Pisten hinunter. Der Skianzug gab mir die nötige Wärme und zum ersten Mal empfand ich echte Freude an diesem Sport. Das ist bis jetzt so geblieben.
Wenn mir mein Sohn heute gegenüber steht und steif und fest behauptet, dass für ihn nur ein ganz bestimmtes Snowboard in Frage kommt, um optimal fahren zu können, versuche ich gar nicht erst, es ihm auszureden, wissend, was ungeeignetes Material anrichten kann. Und damit ihm die Freude am Sport nicht vergeht (ist ja so gesund, vorausgesetzt man bricht sich nichts) und er in der fußballfreien Zeit nicht zum Sesselhocker mutiert, zeige ich großes Verständnis für seinen außergewöhnlichen Wunsch. Meine Aufgabe ist dann nur noch, die Finanzierung für dieses Vorhaben auf die Beine zu stellen. Aber die löst sich meist ganz von selbst: Geburtstag oder Weihnachten werden derartige Anliegen auf den verwandtschaftlichen Aktienmarkt geworfen: Oma und Opa erwerben sich dann erhebliche Anteile, einen Teil finanziert der Snowboarder selbst, Tanten, Onkels, Taufpate und Erzeuger übernehmen den Rest. Der entscheidende Unterschied zum tatsächlichen Aktienmarkt zeigt sich deutlich: hier macht die Talfahrt Spaß.

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