Pubertätsfrisuren und ihre Auswüchse

20 Mai, 2008 at 20:42 (Kurzgeschichten) (, , )

Gut erinnern kann ich mich noch an eine Zeit, als ich wöchentlich die Haarfarbe wechselte, von braun zu blond, von blond zu rot, von rot zu schwarz um anschließend mit grauen Strähnen durch die Gegend zu laufen. Nebenbemerkungen wie „unser Chamäläon kommt“ hab ich cool ignoriert, aber nur nach außen hin, innerlich hat es mich zermürbt. Zu denken gab mir eine Färbeaktion einer Freundin, die so wild mischte, dass sie plötzlich grüne Haare hatte. Mit umgeschlungenem Kopftuch stürmte sie in den nächsten Frisiersalon, um zu retten was zu retten ist. Danach beschlossen wir, der Natur freien Lauf zu lassen und nur ab und zu mit ein paar farblichen Auffrischungen, und das nur durch Meisterhand, nachzuhelfen. Ewige Diskussionen mit ihren Eltern gab es über die langen Haare ihres Bruders, bis sie endlich einen Konsens fanden: noch zwei Jahre bis zur Matura, kurz davor muss die „Matte“ fallen. Ihr Bruder war einverstanden. Er pflegte seinen Kopf gewissenhaft und fönte und fönte und fönte. Die vielen Haare waren schwer zu bändigen. Bis ihm der Geduldsfaden riss, schnipp schnapp, die Haare waren ab – lange vor der Matura und natürlich zur Freude seiner Erzieher. Heute trägt er „hohe Stirn“ und ich denke, wenn er das gewusst hätte, hätte er sich ein Büschel Haare aufgehoben. Als meine Söhne begannen, sich bei ihrer pubertären Selbstfindung zu Chamäläons zu entwickeln, fiel mir das Theater mit dem Bruder meiner Freundin wieder ein und ich schwor mir: Kein Tamtam wegen irgendwelcher Haarfarben oder Frisuren. Das wurde auf eine harte Probe gestellt. Der Große kam mal in Grau, dabei dürfte die Farbe auch übers Gesicht geronnen sein, als ich ihn sah, erinnerte er mich stark an Graf Dracula. Leider kam der Satz „Wie schaust du denn aus“ total unüberlegt aus meinem Mund, das trübte ein bisschen die anfängliche Wiedersehensfreude. Doch dann kam er in Grün, was seine dunklen Schatten unter den Augen von durchgefeierten Nächten mächtig unterstrich. Große Begeisterung löste bei seinem kleinen Bruder das Blau aus, und froh, endlich einen Fan gefunden zu haben, besorgte er einen weiteren blauen Tiegel und färbte dem Jüngsten die Haare. Der Schulausflug zum ORF wurde zum Knüller als er in der Bluebox stand. Zur Freude seiner Mitschüler hatte er hier überhaupt keine Haare mehr. Beim Großen normalisierte sich langsam alles wieder, der Kleine lief zur Hochform auf. Jetzt war ein schrilles Orange dran, verkehrstechnisch ideal, da weit sichtbar. Danach ging´s los mit Styling. Die Haare (voller Gel) standen wie Stacheldraht vom Kopf weg. Problematisch war nur das täglich wiederkehrende Outfit. Hier musste „Muttern“ herhalten und egal, ob wir verschlafen hatten, nur wenig Zeit fürs Frühstück oder der Schulbus schon in Sicht war: Das Haar musste mit Hilfe des klebrigen Breies in Form gebracht werden, manchmal war das echt stressig.

Dass ich mich mit dem überhaupt noch auf die Straße traue …. solche und ähnliche Bemerkungen bekam ich zu hören. Aber da das ja nicht mein Kopf war, störte es mich nicht sonderlich, wohl wissend, dass diese Anfälle auch irgendwann vorbei wären. An einem warmen Sommertag schnitt ich ihm die Haare, die untere Reihe ganz kurz, die oberen sollten lang bleiben. Irgendwie jedoch rutschte ich ab und versehentlich mussten ein paar lange Haare dran glauben. Still und heimlich ließ ich sie zu Boden gleiten. Als wir fertig waren, starrte er auf den Boden und rief entsetzt: „Was ist denn das????? Sag mir, was das ist???“ – „Na was wird das schon sein, du meine Güte, bin halt kurz abgerutscht!“ – „Kannste nicht aufpassen?“ – Ein größerer Wortwechsel entstand, dem Gepeinigten standen Tränen in den Augen. Doch ich hatte bereits bei seinem Vater mit der Schur begonnen, durch die Streiterei muss ich versehentlich an die Einstellungsskala gekommen sein, kurzum … ich schlug seinem Erzeuger eine mächtige Schneise. Das wiederum erheiterte den Jüngsten, der sich noch nicht zwischen Weinen und Lachen entscheiden konnte. Nun waren sie Leidensgenossen und verbündeten sich gegen mich. Seinem Vater konnte ich die Haare nur noch ganz ganz kurz schneiden, sozusagen „Made by Alcatraz“.
Kurz bevor wir begannen, eine Lehrstelle für ihn zu suchen, kam auch die Frisur zur Sprache: „Von mir aus kannst du die Haare so lassen, aber ich weiß nicht, ob dich mit dieser Frisur jemand einstellen wird.“ Die Lehrstelle war ihm wichtiger und wie ein schneller Spuk war alles vorbei. Und außer diesem einen Mal, wo ich beide laut ihrer Meinung verunstaltet hatte, hat mich frisurenmäßig nichts aus der Fassung gebracht.

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