Wenn einer eine Reise tut ….

20 Mai, 2008 at 22:43 (Kurzgeschichten) (, , , )

Ich lebe auf dem Land, aber Graz als kulturelles Zentrum schätze ich, genauso wie die Einkaufsbummel oder den Spaziergang auf den Schlossberg. Aber was den Verkehr betrifft, ist mir eine gewisse Naivität eigen. Ein gestörtes Verhältnis habe ich zu roten Ampeln, besonders wenn sie in Nebenstraßen stehen, wo weit und breit kein Auto zu sehen ist. Ich kann dann einfach nicht anders und muss drüberrennen. So auch eines Tages, nahe der Neutorgasse. Schon leicht genervt von der Parkplatzsuche und natürlich wie immer in Eile stand ich vor einer für Fußgänger roten Ampel. Gegenüber auf der anderen Straßenseite wartete ebenfalls ein Herr mittleren Alters. Es fuhr kein Auto, alles war überblickbar und entgegen aller Verbote, pfiff ich auf das rote Manderl und rannte so schnell ich konnte dem gegenüberliegenden Bürgersteig zu. Kurz bevor ich den Bordstein betreten konnte, rutschte ich mit meinen schon etwas lädierten Absätzen auf dem Kopfsteinpflaster aus und bevor ich richtig registrierte, was geschah, nahm ich nur etwas Stehendes vor mir wahr, umschlang es und krallte mich darin fest, um dann langsam daran herunterzurutschen, bis ich vollends in der Gosse lag. Geistesgegenwärtig hatte ich an dem dort zufällig anwesenden Herrn Halt gesucht. Der jedoch stand steif wie ein Stock und ungeachtet meines schmerzverzerrten Gesichts starrte er mit Verachtung auf mich herunter, ohne jegliche Anstalten, mir aufzuhelfen, hob den Zeigefinger wie einst der Lehrer Lämpl und sprach: „Das kommt davon, wenn man bei Rot über die Straße geht“. Ich entschuldigte mich bei ihm, krallte mich wieder in seinen Hosenbeinen fest und rappelte mich mühsam hoch. Doch er hatte nur böse Blicke für mich und ihn interessierten mein blutender Knöchel und mein aufschundenes Knie überhaupt nicht. Schließlich bedankte ich mich noch für sein „Mitgefühl“, was er mit einem bissigen „Bitte“ quittierte und humpelte von dannen. Wahrscheinlich war ihm die Sache genauso peinlich wie mir. Ich bin nur froh, dass seine Hose bei dieser Abseilaktion nicht nachgegeben hat!

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