Willi am Buffet
Willi am Buffet
Nach ihrer England-Reise treffe ich mich mit meiner Freundin zu einem Café. Es gibt allerhand zu schnattern, da ich selbst vor Jahren in London war. Wir kommen ins Schwelgen: „Fandest du die Stadt auch so riesig?“ „Ja, Blasen hab ich mir gelaufen …der Tower, wie er sich majestätisch über die Themse spannt-„ ….“ja, und die vielen vielen schwarzen Taxis, wo man jederzeit zusteigen konnte“ …“und der Kaufrausch in der Oxfordstreet und das Wegdewood-Geschirr bei Harrods“ wir plappern und plappern, die Zeit verrinnt und dann beginnt meine Freundin von ihren Galeriebesuchen zu schwärmen, tolle Bilder habe sie gesehen, und eines habe ihr ganz besonders gefallen, das auch ideal in ihre Wohnung passen würde. „Es heißt Willi am Buffet“ sagt sie, „ich muss mir unbedingt eins besorgen, ich werde morgen die Galerien in der Stadt abklappern, magst nicht mitgehen?“ Weniger das Kunstverständnis als die Neugier lassen mich zustimmen und so starten wir am nächsten Tag mit unseren ein- und zweijährigen Sprösslingen im Kinderwagen zu einer Galerierundreise. Als wir die erste Galerie betreten, kommt ein dienstbeflissener Angestellter, schaut uns an und sagt, dass die annoncierte Putzstelle bereits vergeben sei. Meine Freundin und ich schauen uns an und denken irgendwie das Gleiche: offensichtlich passt unser Outfit nicht in dieses Etablissement und lässt nicht erkennen, dass wir uns für ein besonderes Bild interessieren. Wir klären den Irrtum auf und fragen nach „Willi am Buffet“. Der Angestellte verneint, sagt, davon habe er noch nie gehört, wir sollen unser Glück mal in einer anderen Galerie versuchen.
Jetzt wird unser Jüngster schon quengelig. Meine Freundin hebt ihn aus dem Wagen, was dieser mit einem fetten Rülpser quittiert, leider fördert dieser auch einen dicken Schwall saurer Milch zutage, die nun wie zähflüssige Lava am Rückenteil ihres Shirts hinunter rinnt. Sie drückt mir den Kleinen in die Hand, da kommt die zweite Ladung und füllt mein Dekollete. Der Kindertee aus der Flasche wird als Wasserersatz zum Säubern ihrer Rückfront und meiner Vorderansicht verwendet. Wir überlegen, ob wir umkehren oder weitersuchen. Wir wollen nicht aufgeben und trotz der leicht säuerlichen Aura ums uns rum, betreten wir die zweite Galerie. Leider verneint man auch hier und wir werden auf eine besondere Bilderausstellung aufmerksam gemacht, wo wir eventuell finden könnten, was wir suchen.
Als wir dort ankommen, hat sich ein weiterer Duft zu unserer Runde gesellt, der zweite hat die Windel voll. „Also gut, unser letzter Versuch, und dann schauen wir, dass wir nach Hause kommen!“ Ein freundlicher engagierter junger Mann, der offensichtlich hier den Überblick hat, verneint ebenfalls, als wir ihn nach „Willi am Buffet“ fragen, er rümpft leicht die Nase um gleich drauf drei Schritte zurück zu weichen. Offensichtlich hat sich unsere Duftaura erheblich ausgebreitet. Plötzlich schreit meine Freundin auf: „Da, da, schau hin, dort, das dort, das meine ich. Das ist „Willi am Buffet“. In diesem Stil hab ich eines in London gesehen. Schau nur, diese sanften Farben, diese Landschaft. Ist das nicht wunderschön?“
„Aber“, sag ich, „irgendwie versteh ich den Sinn nicht, wieso das Bild „Willi am Buffet“ heißt! Und wieso heißt jedes Bild gleich?“
Der junge Mann schaut uns amüsiert an, sofort erkennend, dass er es mit zwei Kunstbanausen zu tun hat und flötet:
„Meine Damen, ich glaube, Sie unterliegen einem schweren Irrtum. Das Bild heißt nicht „Willi am Buffet“, sondern der Maler heißt „William Buffett“.
Meine Freundin hat inzwischen Bilder von William Buffett an ihren Wänden, aber sie hat sie nicht in den von uns besuchten Galerien gekauft. Sie hat gemeint, sie geht dort erst wieder hin, wenn sie so viele Falten hat, dass ein Wiedererkennen unmöglich ist.
29.11.2008
Gerti Münnich
Forellenragout
Forellenragout!
Der Forellenteich eines Freundes wird abgefischt und der Hausherr ist dazu eingeladen. Begeistert sagt er zu, schnappt sich unseren Ältesten, altes Brot wird eingepackt, Spagat und Angelhaken. Das Wetter ist neblig trüb, doch das stört die Laienfischer nicht. Brot an den Haken und schwupps … kurze Zeit später hängt bereits die erste Forelle am Haken. „Das ist ja wie im Schlaraffenland“, kommentiert fachmännisch der Junior, „die Fische springen von alleine in die Pfanne!“ Genauso sehe ich es auch. Im Fischteich brodelt es nur so, da der Wasserstand weiter sinkt, kommen immer mehr Forellen Richtung Oberfläche. Es wird eng da drin und anscheinend ungemütlich. Wie Lemminge, die bereitwillig ihrem Untergang entgegen springen, ist der Forelleneimer innerhalb einer Stunde voll. Mit der Erkenntnis, dass man auch beim Angeln so was wie ein Erfolgsgefühl haben kann, kehren sie mit 10 kg Forelle heim. Jetzt müssen die Fische ausgenommen werden und plötzlich stehe ich alleine in der Küche … Senior und Junior entziehen sich galant der weiteren Verarbeitung und so bin ich dazu verdonnert, die Fische auszunehmen und für die Kühltruhe vorzubereiten. Überall kleben Schuppen, es riecht extrem nach Fisch. Ohne viel drüber nachzudenken, erledige ich diesen sehr unangenehmen Teil des bevorstehenden köstlichen Menüs, das natürlich auch noch auf den Tisch gezaubert werden muss. So frischen Fisch kriegt man schließlich nicht alle Tage. Beim Abschuppen rutscht mir eine Forelle aus der Hand, klatscht auf die Herdplatte, von dort auf den Küchenboden, rutscht Richtung Kühlschrank, um dort hängen zu bleiben. In meinem Schreck stoße ich an die Schüssel, die neigt sich zur Seite, das brackige Fischwasser rinnt an der Küchenfront runter, mittendrin im Sud stehe ich. Jetzt ist auch schon alles egal, zornig hebe ich die Forelle auf, hole den Putzeimer, wische die Küche auf, säubere die Küchenfront, um eine halbe Stunde später dort weiter zu machen, wo ich aufgehört habe.
„Gibt’s bald Forelle“? tönt es aus dem Wohnzimmer? „Wenn das so weitergeht, wie es angefangen hat, dann könnt ihr Pizza essen gehen, weil dann werden die Fische aus dem Fenster fliegen!“ Plötzlich ist es ganz ruhig. Da beide ein feines Gefühl für kritische Momente haben, schleichen sie heran und schauen nach, was in der Küche so los ist. Die wütende Köchin ignorierend, fragen sie scheinheilig, ob sie was helfen können. Das „haut ab“ verstehen sie und lassen es sich auch nicht zweimal sagen. Irgendwas hör ich sie brummeln wie „bin schon hungrig“ und „hoffentlich dauerts nicht mehr so lange“, allerdings macht mich die Wut schneller und endlich bin ich fertig. Ausgeweidet liegen 10 kg glitschige Masse vor mir und werden in Gefrierbeutel abgefüllt. „Ich hätte meine gerne mit Speck gefüllt“ schallt es aus den Ruheräumen, „und ich will meine mit Knoblauch“ setzt der andere noch eins drauf. Das lieb ich am meisten, im dicksten Gewühl noch Menüvorschläge! Da dieser Fischfangtag was Besonderes für meinen Ältesten war, komme ich ausnahmsweise allen Sonderwünschen nach. Petersilienkartoffeln, Salat, alles fast fertig. Mein Ruf „Forelle á la Knoblauch“ und „Forelle a la Speck“ sind fertig“ schallt durch die Hallen! „Endlich“ kommt´s zurück, voller Heißhunger fallen sie bereits über die Petersilienkartoffeln und den Salat her, ich stelle die Pfanne mit den Forellen auf den Tisch … da passiert´s. Versehentlich stoße ich am langen Griff der Pfanne an, sie rutscht vom Tisch, überschlägt sich und vor dem Kühlschrank liegen vier Forellen und obendrauf die große Pfanne. Fassungslose Stille! Verärgert über meine Schussligkeit starrt der Hausherr auf die undefinierbaren fischähnlichen Brocken und zischt: „ Wieso servierst mir eigentlich das Essen nicht immer dort unten?“ Offensichtlich betrachtet er die Situation als persönlichen Anschlag auf ihn. Stoische Ruhe überkommt mich. „Der Boden ist frisch aufgewischt. Auch wenn sie bröckelig sind, esst ihr sie jetzt oder nicht?“ Das „na gib schon her“ klingt verzweifelt … aber der Hunger ist größer. Das Essen verläuft schweigend, wohl wissend, dass jedes weitere Wort überflüssig ist und auf die Goldwaage gelegt werden könnte. Seitdem heißt es, wenn’s Forelle gibt: „Normale oder Forellenragout?“
9.11.2008
Gerti Münnich