Aufklärung mit und ohne Klapperstorch

15 Februar, 2009 at 13:17 (Kurzgeschichten) ()

Aufklärung mit und ohne Klapperstorch

Ich bin gut behütet aufgewachsen, in unserer Familie waren Schimpfwörter verpönt, außerdem durften wir nur Hochdeutsch sprechen. Als wir in die Schule kamen, brachten wir ein bisschen Straßenjargon und neue, interessante, aber nicht unbedingt schöne Worte, lässig ausgesprochen, mit nach Hause. Nichts wurde dem Zufall überlassen, die Eltern griffen stets regulierend ein, um uns beizubringen, „Gutes“ von „Schlechtem“ zu trennen. Aufgeklärt waren wir noch nicht und als wir noch ein Geschwisterchen wollten, legten wir wochenlang Zucker auf die Fensterbank und riefen: „Storch Storch Guter, bring mir einen Bruder, Storch Storch Bester, bring mir eine Schwester.“ Dass ein Geschwisterchen zu diesem Zeitpunkt bereits unterwegs war, sagte uns natürlich niemand. Wir wussten, der Storch hatte uns erhört, wenn der Zucker weg war. Eines Tages kam ich, ungefähr 8 Jahre alt, aus der Schule nach Hause und versetzte meiner Mutter mit dem Satz „Stimmt das, Mutti, wenn zwei sich aufeinanderlegen, gibt’s ein Kind?“ einen ordentlichen Stoß in ihre hochmoralischen Grundfesten. Die Bauernkinder, mit denen wir aufwuchsen, wussten schon viel mehr über Fortpflanzung, da sie durch das Beobachten der Tiere bei der Besamung hier einen ordentlichen Wissensvorsprung aufweisen konnten und diese Dinge viel lockerer und entspannter betrachteten. So nach dem Motto: Wenns beim Vieh so funktioniert, kann es beim Menschen nicht viel anders sein. Meine Mutter jedoch, die offensichtlich in diesem Moment total überfordert war, und wohl auch aus Angst, dass sie was Falsches sagen könnte, antwortete fast panisch: „Wartet bis heute Abend … bis der Papa kommt, dann werden wir es Euch erklären!“ Aha – da schien es ja noch einiges zu geben, was wir nicht wussten und die Angelegenheit bekam dadurch einen gewaltigen Schub an erwartungsvoller Spannung. Nun, der Abend kam, die Eltern, meine um ein Jahr jüngere Schwester, mein drei Jahre jüngerer Bruder und die Jüngste mit zwei Jahren, versammelten sich bei gedämpftem Licht (was dem Ganzen noch eine zusätzlich geheimnisvolle feierliche Note verlieh) im Wohnzimmer. „Aber es wird nicht gelacht“, sagte meine Mutter, was natürlich genau das Gegenteil bewirkte. Die Eltern begannen also uns einiges zu erklären, manchmal kicherten wir aus Verlegenheit, ich empfand das Ganze als ziemlich qualvoll. „Habt ihr alles verstanden?“ war dann die Frage, wir nickten auch deshalb, um das Ganze schnell zu beenden, außer mein kleiner Bruder, der das Gesagte nicht begreifen konnte und für sich selbst fragend nachhakte: „Gell, Mama, ich bin aber schon vom Klapperstorch?!“

15.2.2009 Gerti Münnich

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